Der Keksknopf

Es war einmal ein Keks in einer Cookiedose.

Er wuchs auf einem warmen Backblech in Anwesenheit eines rothaarigen Mädchens, das einen zur Palme zusammengebunden Haarschopf trug, in ruhiger, gelbdurchfluteter Atmosphäre und geborgen durch das Dasein anderer Nesthäkchen im Ofen auf. Er fühlte sich daheim und wohl.

Doch eines Tages öffnete das Mädchen seine Brutstätte und grinste ihn frech mit ihrem Sommersprossengesicht an. Sie griff ihn achtlos, trug ihn zahntropfend zu einer regenbogenfarbenen Blechdose und nahm ihm seine Sinne. Der Keks wusste nicht wie ihm geschah. Grübelnd saß er nun in dieser Dose und dachte er müsste Zeit seines Lebens in der Dunkelheit verbringen. Bis ihn jemand von der Seite anstieß: „Bist du Nummer 85?“  Der Keks erschrak und blieb zunächst stumm. Die flüsternde Stimme räusperte sich und wagte einen erneuten Versuch: „Hab keine Angst, ich werde dir nichts tun. Ich bin genauso wie du.“ Also gut: „Wer bist du?“ platzte es aus dem kleinen Keks heraus. „Ich? Ich bin Nummer 63.“ Gab der Insasse sofort zur Antwort. Der Keks versuchte ihn in der Finsternis auszumachen, aber der Raum war tiefschwarz und die Gestalt seines Gegenübers blieb unscheinbar. „Morgen bin ich an der Reihe, ich hab keine Chance mehr. Wir alle haben keine Chance mehr. Wir müssen unser Leben in einer Welt lassen, die nach uns giert und uns nicht länger duldet.“ Dem Cookie wurde es unheimlich: „Warum sagst du so etwas?“ fragte er mit vor Zittern verzerrter Stimme. „Weil ich lang genug in dieser Zelle gefangen bin, um das zu wissen.“

Plötzlich fing die Cookiedose zu beben und wackeln an und alle Kekse gerieten durcheinander. Nun lag der alte Keks, der zu deinem jungen Cookie gesprochen hatte an oberster Stelle und flehte: „Bitte nicht. Ich will noch nicht sterben. Nein!“ Es wurde unruhig und ein lautes Gewimmer aller anderen Gefangenen war zu vernehmen. Die Stimmung wurde kälter und bedrückender als zuvor und der Keks verfiel in angsterfüllte Panik. Ein fluoriszierendes Licht drang in den Raum und im nächsten Moment begriff der Keks, dass jemand die Dose geöffnet haben musste. Er schaute nach oben und entdeckte das Gesicht eines zahnlosen alten Mannes, das ihn rätselnd angrinste. Daraufhin kletterte ein fünfköpfiger Wurm in die Dose und schnappte zugleich drei schreiende Kekse, die sich dieser grausamen Kreatur wehrlos und ausgeliefert  hingeben mussten.

Der kleine frischgebackene Cookie erlebte diese eiskalte Opferung nun von Tag zu Tag. Immer wieder wurde einer seiner neugewonnenen Freunde aus der Dose genommen und von den Monstern gequält.  Und jedes Mal hörte er noch ihre Schreie, nachdem die Dose geschlossen und in schwarzes Licht getaucht wurde. Er fühlte nichts mehr, war leer und stumpf.

Schließlich kam der Tag an dem als letzter und einziger Keks in der Dose verblieb. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben und sah seinem Todestag entgegen bis ihm plötzlich wieder dieses rothaarige Mädchen anblickte. Sie schaute ihn, im Gegensatz zu den anderen verschlingenden Fratzen, lächelnd und aufmunternd an und sprach ihm liebevoll zu. Der Keks geriet außer sich vor Erstaunen, darüber, dass er eine menschliche Stimme hören konnte. „Hallo Herr Knopf.“ sagte sie „Hier bist du! Ich habe dich schon überall gesucht und nirgends gefunden. Ich hätte dich schon fast gegen einen neuen Knopf ersetzt, aber immerzu musste ich an dich denken und konnte den Gedanken einen Neuen zu holen nicht ertragen. Du wirst ab sofort immer bei mir bleiben und wir werden unser Lebens zusammen verbringen. Das verspreche ich dir! Und nun wird es Zeit, dass du ein neues Zuhause bekommst – du wirst der Herr Knopf meiner liebsten Mütze und mein treuer Gefährte auf die Reise durch die Welt!“

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