Ein Club schließt seine Türen und macht woanders Neue auf

Dieser trashige routinierte Ausgeh-Abend, der mit dem Warten in der ominösen Schlange vor unbekannten Doors an einem neuen alten Club beginnt, an denen du anstehst und noch nicht weißt was dich erwartet, obwohl du jahrelang ein- und ausspaziert bist, die Türsteher mit einem Handschlag begrüßt, mit den Barkeepern nebenher einen Belustigungsshot getrunken und den DJs zur eigenen Playlist das Tanzparkett abgerockt hast, soll nun anders sein? Du kennst das, aber irgendwie kennst du es auch nicht.

Magnet Club in Kreuzberg

Zwei Monate zuvor – Ein Gast steht neben mir und spricht mich an: „Hey, hast du auch schon gehört, dass der Magnet dicht macht?!“ Ich grinse überlegen. Unmöglich, denke ich, davon wüsste ich. „Davon wüsste ich!“ tönt es lapidar aus meinem Mund. „Hm, komisch. Habs nur neulich bei Motor gehört. Dann wird da ja schon was dran sein, oder?“ „Ja, also ich weiß nicht…“ Meine absolute Überzeugungskraft wird in jenem Moment von völliger Ahnungslosigkeit überschwemmt. Der Typ schnappt sein Getränk und stolziert tänzelnd in Richtung Indievolk. Nun wurde ich überrumpelt mit einer Nachricht, die nichts Gutes heißen mag, der aber auch nicht bedingungslos zu vertrauen ist.

Kaum zu Hause: Rechner hochgefahren, zack ins Internet und Magnet-Club.de gestalkt. Der bittere Geschmack des letzten Wodka- Cranberry macht sich erneut auf meiner Zunge breit als ich lese ACHTUNG! WIR SCHLIESSEN! Oh mein Gott: Meine heiß geliebte Tanzfläche, die eingesessene Sofaecke, der Putz an den Wänden – kurz gesagt mein Wohnzimmer soll bald weg sein? Doch meine Augen und mein Verstand lesen schnell weiter WIR ZIEHEN UM! Schlagartig wird die aufopfernde Erleichterung in meine Blutbahn gespült und ich kann vorerst ruhig schlafen. Bis zu dem Tag, an dem sich alles ändern wird…

Und nun sind wir hier- Die Abrissparty des alten Magnets von der vorgestrigen Nacht steckt noch in den Knochen, der letzte Jägermeister wurde noch nicht recht verdaut, die Tränen nicht getrocknet und mit diesem mulmigen Gefühl stehen wir vor dem neuen alten Club und wollen Gewissheit, Vertrauen und vielleicht auch ein bisschen das Alte gemixt mit was Neuem. Wie Menschen eben so sind, von allem etwas und zum Mitnehmen, bitte!

Der erste Eindruck zählt doch immer. „Den Türsteher kenne ich!“ Meinem Kumpel muss ich den Finger quasi zurück ans Handgelenk binden, damit er ihn nicht freudig auf den Security richtet. Wir sind ja hier nicht im Zoo, sondern im Club. Hereingelassen werden wir trotzdem, die alten Hippen kennt man schon. Das imaginäre Vertrauen zwischen Türsteher und Gast hat schon mal funktioniert. Erstes Häkchen auf der „Highend Liste“. Die nette Frau an der Kasse freut sich wie immer über uns und wir uns über den Eintrittspreis, der sich von den neuen Räumlichkeiten nicht weiter hat bekehren lassen.

Grinsend geht es auf  in die Katakomben der neuen Location. Halt mal! Schwöre ich jetzt dem alten Magnet ab und verliebe mich schon in den Neuen? Gehe ich fremd? Lässt sich das schon als Affäre bezeichnen? Es gibt diverse Menschen, die sich erst gar nicht auf den „bösartigen“ Umzug eingelassen haben. Diese betreten dann vielleicht einmal den neuen Club, aber lassen sich daraufhin nie wieder blicken als wäre ihnen der Teufel höchstpersönlich begegnet. Epic Fail, wir boykottieren den Boykott!

Die langen heißen Nächte mit wunderbaren Bands quer durchs Beet und den Residents und Special- DJs, die zu abgelaufenen Schuhsohlen und vielmehr noch wahnwitzigen schlaflosen Nächten und spannenden Traumsequenzen geführt haben, können nicht einfach auf der Stelle vorbei sein. Nein! Wir wollen es wissen, brauchen Antworten auf unsere Fragen und die kriegen wir an der Bar, denn diese ist randvoll mit solchen. Dort trifft man bekannte Saftschubsen und Tresenschlampen wieder, die wie immer fleißig die Biere in Rekordzeit öffnen und trotzdem noch Zeit für einen Smalltalk haben. „Hey yo! Schön, dass du auch mal wieder hier bist.“ Ach ja, nette Komplimente und Gesten werden ausgetauscht und ein Hemingway macht dich fit und frei für die Tanzfläche, welche enorm gewachsen ist und nun mehr Freiraum für Konzerte und Tanzveranstaltungen bietet als zuvor. Die Bar scheint irgendwie mitgewachsen zu sein, denn man muss nicht mehr in einer viel zu großen Traube anstehen, um ein Bier zu bestellen und kann sich stattdessen gemütlich an der gefühlten Zehn-Meter-Bar an den Tresen setzen und trotzdem in Ruhe seinen Drink genießen.

Das Einzige was mir Sorge bereitet ist dieser totdesignte Look vom Magnet, der vom gängigen und lebendig subversiv verruchten Stil abgelöst wurde. Sofern man das überhaupt Stil nennen darf, denn eigentlich zeichnet sich dieser Club eher durch Musik, Menschen und Krach aus und genau das mögen wir doch an ihm. Es ist quasi der Seelenstriptease, der uns mit ihm verbindet. Es ist nach Hause kommen und die Füße auf den Tisch legen. Es ist das LEBEN, welches wir dort Nacht für Nacht in den dunklen vier Ecken zelebrieren und damit machen wir jetzt im Neuen einfach weiter, denn schließlich hat es auch acht Jahre gedauert bis das Magnet so aussah wie es ausgesehen hat und, wenn wir ehrlich sind, bald auch wieder aussehen wird.

Last but not least – Es ist ein schöner neuer Club, der durch seinen Umzug nicht an Prestige verloren sondern eher noch hinzugewonnen hat, dem das Watergate nebenan nicht viel Scheu einjagen kann und dessen Gäste, Bands und Partys in Zukunft weiterhin für viele durchzechte Nächte sorgen werden. Und überhaupt – Wann hat man schon mal die Gelegenheit drei Monate durchweg jedes Wochenende Silvester zu feiern? Eigentlich nie. Also werte Herrschaften, aufgewacht und mitgemacht!

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