Die Chance zu leben

Die Luft ist kalt und rein, nur der Zigarettenrauch, den ich schweren Herzens inhaliere, hält mich in jenem Moment warm. Zu wirr sind meine Gedanken als das ich sie geordnet aus den Schubladen holen und abrufen könnte. Der menschliche Mechanismus in mir funktioniert nicht mehr. Schon seit ein paar Tagen, Wochen, vielleicht auch Monaten. Seit ich weiß, das mein Bruder aus dem Gefängnis entlassen wird.

Eine Reisetasche der letzten dreizehn Jahre hängt leicht und unbeschwert auf seiner Schulter als er mir mit kleinen, blinzelnden Augen gegenübertritt. Sein Aussehen hebt sich komplett von dem meines Bruders ab. Er hat braunes Haar, welches fast bis über die Ohren reicht. Sein Gesicht ist markant und eingefallen, aber dennoch rosig und frisch. Den dunkelblauen Trenchcoat trägt er passend zur Farbe seiner Nike Schuhe, die sportlich und neu im Wintersonnenschein glänzen.

„Im Gegensatz zu dir, sehe ich aus wie eine Second- Hand- Kleiderstange!“, rutscht es mir ungeniert als Erstes raus. „Naja, mein Betreuer hat sich gut um mich gekümmert.“ entgegnet er mir verlegen. Ich öffne meine Arme zur Begrüßung und schließe ihn ganz fest ein. „Du hast mir gefehlt, Eric.“ Während er sich langsam aus meiner Umarmung löst, schaut er betreten zu Boden und flüstert: „Jack.“

Sie haben ihm eine neue Identität gegeben. Einen neuen Namen. Ein neues Leben. Er ist nicht mehr der Mörder eines gleichaltrigen Mädchens, welches er als Zehnjähriger mit seinem besten Freund im Fluss unter einer entlegenen Brücke mit einem Holzpfeiler getötete hat. Er ist Jack. Mein Bruder, der ganz von vorn anfängt.

„Was ist ein Panini?“ fragt er mich die Speisekarte wie ein Blinder studierend und schaut entgeistert auf. „Das ist ein italienisches Sandwich, welches meist warm serviert wird.“ antwortete ich monoton und reiche ihm eine Zigarette über den Tisch. Es ist seltsam, ihn bei mir zu haben, nachdem er ewige Zeit weggeschlossen und aus meinem sozialen Umfeld entrissen war. Es ist, ganz übel ausgedrückt, als würde das Plüschtier, welches seit der Teeniezeit im Karton auf dem Dachboden verbracht hat, wieder hervorgeholt, entstaubt und enthusiastisch durch die Gegend geworfen werden.

Unsere Eltern haben Eric seit der Verurteilung aufgegeben. In ihren Köpfen und ihrem Lebensinhalt existiert mein Bruder nicht mehr. Zu schlimm war für sie das Geschehen, dass sich damals in unserer Nachbarschaft und Familie ereignete. Eric war schreiend vom dem Tatort nach Hause gerannt. Blutverschmiert und weinend saß er am Küchentisch als ich ihn mit Kinderaugen sah. Mein Vater prügelte auf ihn ein. Meine Mutter hielt sich entsetzt die Hände vors Gesicht. Keiner hatte sich unter Kontrolle.

Die Polizei führte einen Zwölfjährigen im großen Stil eines Schwerverbrechers ab. Die Handschellen auf dem Rücken, die Waffe im Genick. Eric warf mir durch die Fensterscheibe des Polizeiwagens einen letzten Blick zu, der Nacht für Nacht in meinen Träumen sagte: „Bitte vergib mir!“ Die Welt brach für mich jeden Tag erneut zusammen und ich hörte auf zu Atmen. Ich wusste nicht was geschehen war. Blut und Mord füllten meinen sonst so leeren Kopf. Und die gleichen unbeantworteten Fragen kreisten ewig um mich herum, wenn ich in seinem leeren Zimmer saß und verloren aus dem Fenster blickte: Warum mein Bruder? Was hat ihn dazu veranlasst? Was ist an diesem Tag mit ihm passiert?

Nun sind die Dinge klar und gerichtet. Eric wurde damals von seinem besten Freund genötigt das Mädchen zu töten. Er hatte nie eingewilligt und im Eifer des Gefechts keine Kontrolle über den Verlauf gehabt. Das Mädchen wehrte sich und schlug auf seinen Freund ein. Ihn ereilte die Ohnmacht und er hörte nur noch Schreie, die sich mit Wasser vermengten und bald für immer im Strudel untergingen. Am nächsten Tag fand man seinen besten Freund tot auf. Er hatte sich umgebracht.

Die Strafe musste er alleine absitzen. Dreizehn Jahre. Und als es vorbei war, wollte er nicht raus. Doch ich habe ihn geholt und ihm die Welt gezeigt. Ich weiß auch, das es richtig war, selbst wenn die Menschen denken es wäre falsch. Sie hassen ihn, sind wütend und das auch zu recht. Auch jetzt noch. Die Gerechtigkeit gegenüber der Familie des Mädchens wird nie komplett vergolten sein. Aber das Leben geht weiter und er geht mit.

Heute ist mein Bruder Rettungsassistent. Fünf Jahre sind vergangen seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde, nahezu zwanzig seit er an einem Mord beteiligt war. Ein Mensch ist gestorben und unzählige leben weiter. Das ist keine Entschuldigung, kein Vergeben und kein Vergessen, aber es ist ein Schritt. Ein Schritt, der uns menschliche Vernunft aufzeigt und uns lehrt, das wir ein richtiges Leben haben, welches wertvoll und schätzbar ist, wir es aber dennoch vor dem Tod nicht retten können.

Don’t stop to breathe

I will bury you there’s a place in my heart

Where we could be better off alone

I will bury, you let it go

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