Ohnmacht

Blut. Das ist alles was ich sehe als auf meine Hand hinabschaue. Okay. Punkt 1: Ruhig bleiben. Das Messer vorsichtig aus dem Daumen ziehen. Nur Blut. Punkt 2: Atmen nicht vergessen. Der Finger ist bestimmt noch dran. Plötzlich dieses Knacken als die rot glänzende Schneide des Küchenmessers schleichend zum Vorschein kommt. Es brennt wie Feuer. Ich stöhne lautlos auf. Die Säure einer verfluchten Limette ätzt meine offene Wunde skrupellos wie ein rohes Stück Fleisch in einer Coca-Cola-Lache weg. Was hilft jetzt? Punkt 3: Schreiend im Kreis rennen und… Pflaster. Das Messer fällt klirrend zu Boden während ich mich schwebend in einer 180°C-Drehung mit blutverschmierten Händen dem Erste-Hilfe-Koffer im Regal zu wende und panisch mit den Armen in der Luft wirble, im gleichen Moment den Umriss einer Person im Augenwinkel wahrnehme, doch trotz angestrengt zugekniffener Lider nicht mehr als den weißen Schleier meiner Imagination registriere, der sich sanft und gemütlich in meinem Kopf ausbreitet und mich partout zu einer leeren Blase im Universum werden lässt. Dazu ertönen The Smiths mit „There is a light that never goes out“. Der Song, der auf meiner Beerdigung laufen sollte…

„Kati! Wir müssen zum Notarzt“, brüllt mich jemand hysterisch im fahrenden Auto an. „Ich bin doch nicht taub“, sage ich als wäre nichts und werde mir mit meinem Spiegelbild in der Windschutzscheibe sogleich darüber im Klaren was überhaupt gerade vorgefallen ist. Schockiert reiße ich die Hände wie bei einer La Olá im Stadion in die Höhe und fange auf dem Beifahrersitz laut an zu heulen. Gegnerisches Tor und, noch viel schlimmer, nur NEUN Finger. Ich zähle entsetzt noch mal nach, rechnen war noch nie meine Stärke. Aber weiterhin… NEUN. „Keine Sorge“, murmelt mein Fahrer „wir haben alles dabei“ und grinst mich, mit einem Frischhaltebeutel vor meinem Gesicht wedelnd, dämlich von der Seite an. Das kann doch nicht wahr sein, denke ich und spucke ihm wütend ins Gesicht. „Jetzt hab dich doch nicht so! Wir fahren dich schnell ´rüber und dann wird das Ding wieder ´rangetackert“ kommt ein gütiger Zuspruch von der Rückbank. Überrascht drehe ich mich um und sehe einen Hund. Einen sprechenden Hund. Brian? Sieht zumindest aus wie Brian. „Wo kommt der Hund aus Family Guy her?“ frage ich den Fahrer, der im Übrigen mein Kollege von dem Ort des Verbrechens ist, an dem mich eine olle giftgrüne Limette fast mein Leben gekostet hätte. Doch eine Antwort darauf erhalte ich nicht.

Mit qualmenden Reifen hält der Leichenwagen mehr oder weniger vor dem Krankenhaus und ich flitze, a la Roadrunner vom Koyote verfolgt, an die Rezeption und erblicke keuchend zwei aufgedunsene, wasserstoffblonde Damen in pinken Overalls. „Hallo“ sage ich ganz gewöhnlich zur Begrüßung und warte auf eine Reaktion. Nichts. Nicht mal ein Nicken. Die Kleinere der Beiden, ihres Zeichens Kompottschalen-Brillenträgerin, hebt gähnend ihren weißen, fleckigen Arm und beträufelt lustlos die längst verstorbene Sonnenblume mit einer Pipette. Mein Blick schweift entgeistert auf ein Pamphlet vergilbter Akten, woran sich die French-Nails der anderen Dame, begleitet von den Worten „Alles in den Wolf“, zu schaffen machen. Kurze Stille. Ich öffne hastig meinen Mund, um eine weitere Grußformel in den Raum zu werfen als das Telefon schrillend meine Stimme übertönt. Die Diamant-besetzten Nägel wandern an den Hörer, führen ihn sacht an das faltige Ohr und die fettigen Lippen pressen spitz „Sie sprechen mit Grütze“ hervor. Mein Mageninhalt steigt mir ruckartig zum Hals empor. Mit zusammengepressten Zähnen sehe ich die Brillenträgerin im Eierlauftempo auf mich zu kommen und im nächsten Moment meine Broccoli-Pasta auf den Kompottschalen vor ihren Augen haften. Wie ein Käfer kippt die alte Dame auf den Rücken und bleibt reglos liegen. Schach matt. Mir egal, ich bin jetzt dran, mein Finger wurde schließlich von meinem Körper getrennt. „NEUN!“ Kaum komme ich zur Sprache, landet eine Faust in mein Gesicht und befördert mich zu Boden.

Als ich aufwache liege ich in einem Bett. Ich setze mich vorsichtig auf und analysiere misstrauisch meine Umgebung. Es ist dunkel und kalt. Meine Gedanken sind erloschen. Was mache ich hier? Wer bin ich und überhaupt? Über mir summt etwas, dass ich im schwarz nicht ausmachen kann. „Die Sicherung ist durchgebrannt“, erklingt plötzlich eine Stimme hinter mir. Erschrocken zucke ich zusammen und spüre den Atem der Person in meinem Nacken, so sehr, dass sich meine Härchen zurück in die Poren drängen wollen. Ich bleibe starr sitzen und spüre wie mein Herz schmerzhaft gegen meinen Brustkorb hämmert. Laut entzündet sich eine Flamme an meinem Gehör. Licht. Ein Gesicht. Nein, eine Maske. Die eines Hasen. Meine Hände ballen sich verstört zu Fäusten. Doch ich kann meine Finger nicht bewegen. Ich kann plötzlich nichts mehr bewegen. Mein Körper ist eingehüllt, in etwas, dass mir von allen Seiten tonnenschweres Gewicht aufdrückt. Ich möchte schreien, aber es geht nicht. Der Hase hüpft um das Bett herum und fängt an mit Gläsern zu klirren. Ich erkenne ihn nur im Halbdunkel. Er fängt an sie zu sortieren und zu putzen und schenkt mir nun keinen Funken Beachtung mehr. Immer wieder von Neuem greift er mit seinen schneeweißen Pfötchen ein Glas, sortiert und putzt. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren und beobachte dieses Spektakel unendlich lang. Zu lang. Meine Lungen füllen sich langsam mit Luft, ich kann wieder atmen. Meine Sinne kehren zurück. Der Raum nimmt Gestalt an. Töne dringen in mein Ohr. Doch trotzdem wende ich den Blick von dem Hasen keine Sekunde ab und kette meine ganze Kraft an ihn. Er kommt mit einem Behälter auf mich zu und erzählt irgendwas von „Wasser“ als ich von einer monströsen Welle klargespült werde. Ich schließe für einen Moment die Augen und lasse meine nassen Lider ruhen. Und plötzlich ertönt seine Stimme wieder, diesmal ganz klar und deutlich: „Kati!“ Ist das mein Name? Blitzartig öffne ich die Augen und blinzele als ich einen Menschen vor mir stehen sehe. Es ist mein Kollege, der mich im Leichenwagen zum Krankenhaus gefahren hat und er sagt: „Kati! Wir müssen zum Notarzt.“

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