Im Gespräch mit Alligatoah

Vielleicht haben einige von unserer damaligen Release-Party gehört, als Sexarbeiterinnen auf der Bühne ihr Handwerk vollführten…“

 

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Ich war beim Dockville. Es war eng. Es war feucht. Es war fröhlich. Und das lag wahrscheinlich nicht nur an ihm und an seiner in nette Wortkonstellationen verpackten Schlauheit, welche dazu beitrug ein gekonntes TeaTime-Gespräch zu erhaschen, sondern auch an einem fiebernd heißen Publikum, welches trotz des rotzigen Wetters durch eine gewaltige Show à la Alligatoah entflammt wurde…

Ihr seid gerade frisch von eurem Weekender zum krönenden Abschluss am Hafen vom Dockville Festival in Hamburg eingekehrt. Was ging die letzten Tage auf dem Spack und Rock´n´Heim?

Mit ziemlich sicherem Ende der Festivalsaison konnte ich diese Auftritte sowohl mit einem singfreudigen Publikum, als auch mit meinen eigenen Leistungen als bühnentechnischen Erfolg verbuchen, obwohl ich mich in dieser Hinsicht selbst sehr streng züchtige.

Bist du so dermaßen selbstdiszipliniert oder gehst du auch auf die Bühne und nimmst Fehler hin, sofern diese nicht gravierenden Einfluss auf das Publikum ausüben?

Natürlich gibt es Showeinlagen, die das Publikum nicht unbedingt mitbekommt. Dennoch kann mir das die Laune verderben, wenn ich von der Bühne gehe und im Gitarrensolo die falschen Saiten angeschlagen habe oder mich mit meiner Wortwahl leicht verhaspelt habe. Wiederum sichere ich somit einen Qualitätsstandard, der mir und auch den Fans nur zugute kommen kann.

Heute bespielst du heimatliche Gefilde und wirst sicherlich auch eine Vielzahl an Fans aus Bremerhaven begrüßen. Bedeutet dir der Norden als Nordkind etwas?

Je näher ich meiner Heimat komme, desto mehr kommt für mich auch das Heimatgefühl auf. Da sich auch viele Kollegen in dieser Gegend herumtreiben, ist dies gern auch mit einem Treffen verbunden. Frische Seeluft und kreischende Möwen tragen ebenfalls zu diesem Gefühl bei. Der Norden dient mir quasi als Anker.

Eine ebenso tiefe Verbundenheit besteht zu deinen Kollegen von Trailerpark. Zusammen habt ihr nun ein eigenes Festival auf die Beine gestellt, welches am 29.08. in Münster und am 30.08. in Nürnberg (restlos ausverkauft!) veranstaltet wird und wo euch u.a. Karate Andi, Mach One und Sadi Gent supporten. Wie organisiert ihr das Festival als Band?

Da Trailerpark generell als Band sehr schwierig auf Festivals unterzukriegen ist, haben wir uns für diesen Weg entschieden. Denn jeder weiß, dass wir es gern übertreiben und alles sehr explizit aufführen, sodass wir dies im Besonderen auf unserem eigenen Festival beibehalten können. Vielleicht haben einige von unserer damaligen Release-Party gehört, als Sexarbeiterinnen auf der Bühne ihr Handwerk vollführten und allein daher gibt es sicherlich gewisse Berührungsängste für einige Veranstalter oder Booker. Mit unserem Trailerpark-Festival holen wir alle befreundeten Künstler und Weggefährten ins Boot und auch solche die gern mit uns agieren, um den eigenen Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden.

Wie schöpfst du deine Inspiration und Ideen – im Nest daheim oder unterwegs auf Tour?

Stift, Block und Lap Top habe ich stets auf Tour dabei, um direkt loslegen zu können. Dennoch komme ich meist nie dazu mir diese zu greifen und meine Ideen zu sortieren und niederzuschreiben. Während der Tour gibt es Menschen, Anspannungen und Gedanken, die leider keine ideale Voraussetzung zum Schreiben schaffen. Nach der Tour kehrt man erschöpft und mit leeren Seiten zurück. Daher geschieht das Schreiben meist zu Hause im stillen Kämmerlein oder beim Spaziergang durch Wald und Wiesen…

Was begleitet dich beim Schreiben – deine Jugend durch Wald und Wiesen oder das Leben in der Stadt?

Die Themen, die ich behandle sind in keinerlei Hinsicht mit meinem aktuellen Wohnort verknüpft. Da ich eben genau die Verbindung zwischen Privatem und Text, die ja dann auch der Hörer vermutet, strikt trennen will. Für mich ist es viel wichtiger mir den Rückzug, aus der Stadt oder dem lokalen Ort an dem ich lebe, zu nehmen und reflektierend auf die vergangenen Dinge zurückzublicken und mir meinen eigenen kreativen Freiraum zu schaffen, um einen Text entstehen zu lassen.

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Rap.de beschreibt deine Texte mit Bezug auf dein aktuelles Album Triebwerke als „von Schokolade ummantelten Klostein“. Schmeicheln dir solch metaphorische Zensuren?

Ich hab es nicht gelesen, aber ich mag die bildliche Umschreibung der Kollegen von Rap.de sehr gern. Generell ist es natürlich schmeichelnd, wenn sich Rezensenten oder Kritiker mit meinen Texten auseinandersetzen und sich dabei auch von meinen Metaphern tragen lassen und ihre Zensuren daran koppeln.

Es gab nicht immer solche schmeichelnden Kritiken, wenn wir beispielsweise auf ein Interview mit dem Spiegel zurückblicken…

Auch damit kann ich leben. Ich fürchte keine Kritik, sondern erachte es als anerkennend, wenn sich Menschen mit meiner Musik auseinandersetzen – egal auf welcher Ebene. Im Vordergrund stand hierbei ja keine böswillige Absicht, vielmehr ging es um eine zusammenfassende Verallgemeinerung meiner Aussagen aus dem Interview.

Sobald es um „Willst du“ geht, verweist du gern mal auf die Muttis, die dir Sorgenbriefe schreiben, weil die Kids beim Abendessen sitzen und deine Texte runterbeten. Hier greift deine Intention eines Anti-Drogen-Songs nur schwerlich. Verspürst du manchmal den Anreiz solche Muttis wachzurütteln?

Ich habe mir bewusst diese Art ausgesucht, um mich auszudrücken. Ich könnte Lieder machen, wo ich den Zeigefinger erhebe und sage hier ist noch ein Apfel für unterwegs und esst auch mal mehr Vitamine. Ich spiele in diesem Song ja quasi das Opfer der Zustände einer Generation und natürlich stößt das auf ganz verschiedene Köpfe, die die unterschiedlichsten Intentionen darin wieder finden. Es gibt eben genau diese, die sich mit jenem Song zuballern und dann vollgedröhnt in die Disco rennen und meine These im Prinzip vollkommen stützen.

Wenn du etwas zur Verbesserung unserer Welt beispielsweise mit der Unterstützung eines sozialen Projektes beitragen könntest, welches wäre dieses?

Auf jeden Fall würde ich das und denke früher oder später kommt das definitiv auf mich zu. Es liegt in meinem Bestreben etwas Sinnvolles zu leisten, diesbezüglich müsste ich nur noch herausfinden, welches das passendste Projekt für meine Ambitionen wäre. Mir ist sehr viel an der Natur gelegen und daher wäre das Weiterbestehen unser grünen Erde ein Herzprojekt, wobei aber sicherlich auch die richtige Organisation eine große Rolle für mich spielen würde.

Was sind deine Ziele für die Zukunft und was erträumst du dir noch?

In meiner ganzen Laufbahn habe ich mir Ziele gesetzt. Ich bin glücklich solange ich meine Songs, Videos und überhaupt auch meine Ideen verwirklichen kann. Würde ich den Status eines Roberto Blancos erreichen wollen, säße ich an den neuesten Schlagerhits und könnte „Und sah ein Knab ein Röslein stehen“ neu interpretieren. Aber ich möchte das nicht, daher ist mein Ziel nur das zu tun, was mich selbst erfüllt.

Und wovon hast du letzte Nacht geträumt?

Oh, letzte Nacht träumte ich von einem Auftritt mit Trailerpark, der nach drei Songs ein schnelles Ende fand, da keiner mehr Bock auf unsere Show hatte. Wir waren dermaßen abgefuckt und das verfolgt mich bis in die tiefsten Untergründe meines Bewusstseins. Wir könnten jetzt darüber philosophieren, was mir dieser Traum zu sagen hat…dazu kann sich der Leser aber in Gedanken selbst ausleben.

Na dann, denkt mal darüber nach!

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