Nachts um halb 4

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor um 15 Uhr aufwache und den Postboten für einen Mitarbeiter der Müllabfuhr halte, ist klar – das Nachtleben hat mich wieder.

In sekundenschneller Geschwindigkeit bin ich vom Himmel in die Hölle gefallen, sodass mir bei dem bloßen Gedanken schon kotzübel wird. Der Tag hat mich wieder in die Nacht befördert und wenn ich mich so umsehe, gehören mehr Ringe als Augen ohnehin schon seit geraumer Zeit zum Must Have im Berliner Business.

Allerdings beflügelt mich ein gewisser Unmut, was die Arbeit im Dunkeln angeht. Nach vielen Jahren eines harten Trainings, welches aus Bieren in Rekordzeit öffnen, Kronkorken-Olympiaden und trinkwütigen Menschentrauben besteht, mutierst Du irgendwann zum Tiger im Käfig, der nicht mehr anders kann, als sich tänzelnd im Kreise zu drehen. Und trotzdem schleppst Du Dich immer wieder an den Tresen, setzt ein übermotiviertes Lächeln auf und machst munter weiter.

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Warum auch nicht? Die Bar bietet Dir schließlich alles, um „Tausend und eine Nacht“ größenwahnsinnig zu überleben – Sex, Drugs and Rock´n´Roll. Du hast die Macht, denn Deine Freunde halten Dich für eine Art Gottheit. Du bist in ihren Augen Türsteher, Kassierer, Getränkegeber und Animateur zugleich. Sie wissen Du arbeitest, also werden sie ihre Abendplanung spontan verwerfen, um in Deinen Club kommen. Schön, denkst Du Dir. Aber mit dem ersten Anruf, der eine +1 fordert, ist es meist nicht getan.

Es wäre nahezu perfekt, wenn die trinkwütige Meute an der Bar sich selbst bedienen könnte und Du währenddessen Deine Bekannten galant an der Berghain-Schlange vorbeiführen könntest. Danach mit ihnen eine Clubbesichtigung unternimmst und währenddessen ihre Durstgedanken telepathisch in ein Getränk umwandeln könntest. So sollte es sein, ist es aber nicht. Denn Du musst ja arbeiten – zu doof.

Stattdessen gibst Du Dich dem Flaschenöffner und dem nächsten Schrei nach Bier an der Theke hin. Wie eine Gewitterwolke zieht der Sturm über Dich her und will kaufen, trinken, kaufen – bis Deine Kollegen Dir sanftmütig ins Gesicht schlagen und einen nett dekorierten Schnaps vor die Nase stellen. Dann geht der Vorhang an der Bar kurz zu und Du stehst da, trinkst und bist einen Moment lang frei.

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So langsam begibst Du Dich auf das Niveau der Gäste und fängst an sie zu mögen. Wie sie da so lustig stehen, mit ihren Scheinen wedeln und versuchen immer der Erste am Drücker zu sein. Es ist ein bisschen wie bei der alten TV-Show Ruck Zuck – wessen Wortkonstellation als Erstes in Dein Ohr dringt, dessen Gaumen kann sich glücklich schätzen. Gäste, die sich in einer Buchstabensuppe vor Dir übergeben, haben leider keine Chance und bekommen stumm ein Wasser gereicht. Das sind die Regeln und die müssen befolgt werden – sonst ist das GAME leider OVER.

Irgendwann sind dann endlich alle betrunken und der Feierabend schaut fröhlich, als auch ein bisschen vernebelt um die Ecke. Du trinkst noch ein paar Schnäpse und schmiedest „Tagespläne“ mit deinen Kollegen. Wenn die Sonne scheint, könnte man ja noch in den Park gehen und apathisch auf der Wiese sitzen. Wenn es grau ist, geht’s ins Kino oder in den nächsten Club. Schlaf ist dabei leider keine Option.

Und wo auch immer es die Karawane hinziehen wird, Du weißt in jedem Fall, dass Du betrunken zu Hause (oder woanders) in Klamotten (oder ohne) aufwachen und Dich fragen wirst, wer gestern die Bar zugemacht hat und wo das Trinkgeld, für welches Du Dein weißes Shirt mit einer Flasche Jägermeister übergossen hast, wohl in der letzten Nacht gelandet ist. Das einzig Gute an dieser Tatsache ist, dass die Getränke mal wieder nichts gekostet haben.

Mount Rinjani

Eines Nachts im Oktober erwachte ich schweißgebadet in klirrender Kälte auf dem steinharten Boden eines Zeltes. Noch blind vor Schlaf, versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und auszumachen, in welcher Umgebung ich mich tatsächlich befand, während meine Fingerspitzen mit verzogenen Mundwinkeln vorsichtig den Schlafsack tätschelten. „Mein Bett, es muss mein Bett sein!“, sagte mir mein Verstand unaufhörlich. Doch meine Sinne prophezeiten etwas anderes: Ich befand mich in einem organefarbenen Kinderzelt, welches in das helle Licht einer von der provisorischen Decke hängenden Taschenlampe getaucht wurde und furchtbar in den Augen schmerzte. Draußen vernahm ich Geräusche, die unweigerlich meine Härchen auf der Haut hochschießen ließen. In diesem Moment bewegte sich meine Hand blitzschnell auf die Taschenlampe zu und ließ diese zitternd erlöschen. Nun saß ich nach einem Schutzobjekt suchend, still da, atemlos und verfolgte gebannt, die immer näher kommenden Geräusche mit tiefgefrorenen Ohren, in der Hoffnung irgendwann doch noch aufzuwachen.

Gut geht, wer ohne Spuren geht

„Ach Kind, verarsch mich nicht!“, wiederholt meine Mutter zum zehnten Mal, als ich ihr mitteile, dass ich bei Punkt drei auf meiner Bucket-List die Besteigung eines Vulkans zu stehen habe. Der Begriff Besteigung muss folglich jedoch in Bekriechung revidiert werden. Ich habe nachgeschlagen, ein Wort welches im Duden bisher noch nicht aufgenommen worden ist. Unverständlich für mich und wahrscheinlich jene, die einmal einen Gipfel hoch gekrochen sind. „Läuft bei mir“, antworte ich lässig und lasse den Hörer langsam aus der Hand gleiten, um meinen prallen Rucksack mit aller Gewalt zuzuschnüren. „Ok Mutti, muss los!“, lasse ich es noch euphorisch verlauten und lege auf, als das Bergsteigertrupp vor mir auf den Jeep klettert und die Sachen wie Müll in die Ecken wirft.
Auf der Fahrt nach oben wird das erste Bier mit bunten Feuerzeugen geöffnet und die Zigaretten qualmen wie besorgniserregende Rauchschwaden über uns hinweg. Wir sind eine Gruppe von acht Leuten, so ziemlich aus allen Ländern und in jeder Altersklasse vertreten. Die Stimmung ist aufgeheizt und lustig, alle lachen über blöde Witze, während der Fahrer sich angestrengt seinen Weg durch Bäume und Geröll bahnt, dabei hüpfen wir auf der Ladefläche im Takt auf und ab. Nicht schlimm, wir trinken noch ein Bier.


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Eine Stunde später befinden wir uns auf 600 Meter Höhe des Mount Rinjani, dem zweithöchsten Vulkan der Insel Lomboks in Indonesien. 3.100 weitere Meter und drei Tage haben wir noch vor uns, erzählt der Tourguide vor Beginn des Aufstiegs und geht mit uns das Sicherheitstraining durch, welches darin besteht einen signalroten Ausweis mit beschriftetem Namen am Rucksack sichtbar zu befestigen und ja nicht zu verlieren. „Ist das etwa unser Totenschein?“, frage ich lallend von zwei Bieren, die in der brütenden Hitze schnell bei mir reinhauen und grinse doof in die Runde. Alle starren mich mit entgleisten Gesichtern an, von Freude keine Spur. „Ups“, sage ich kurz und fummele pfeifend an dem roten Ausweis rum, während der Guide die Gruppe weiter belehrt.

Aus dem Leben eines Esels

Nach dem ersten Aufstieg, stehe ich beweglos mit schwitzenden Kadaver fest an einen Baum geklammert und starre fassungslos den kilometerweiten Weg zurück. Ein kleiner Junge kommt mit einem Joint in der Hand zu mir gelaufen und reicht mir eine Flasche Wasser, auch ihn starre ich entsetzt an. Die Gruppe sitzt entspannt und essend am Feuer, während ich von dem Jungen erfahren muss, dass er unser tatsächlicher Guide ist und der Vater aufgrund seines besseren Englischs nur zur Unterrichtung der Gruppe diente. Er erzählt mir fröhlich, dass er Ady heißt, 16 Jahre alt ist und am Tage des Ausbruchs im Jahr 2010 auch auf dem Rinjani stand. Mein Mund schließt sich erst wieder, nachdem ich einen Löffel Reis hinein schaufele.

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Als der Abend schon dämmert, erblicke ich auf allen Vieren, wie ein getriebener Esel den Gipfel. Acht Stunden Schweiß, Dreck und Blut liegen nun hinter mir. Bewusstlos falle ich auf 2.600 Meter Höhe in mein Miniaturzelt und schlafe sofort ein, bis ich nachts erwache. Betäubt sitze ich im Zelt und höre Geräusche, knipse die vergessene Taschenlampe aus und spüre wie sich etwas schnurstracks auf mein Zelt zu bewegt. Mit blinzelnden Augen und abwehrender Tupperdose vor meinem Gesicht, lasse ich es geschehen. „Hey, schau dir das an!“, schreit Ady als er ungeniert in mein Zelt poltert und ich ihm die Tupperdose schockiert ins Gesicht werfe. Als er den Blick auf die Natur freigibt, um die anderen der Gruppe zu wecken, eröffnet sich vor meiner Iris ein Farbspiel der Superlative. Ich sitze am Gipfelrand und sehe den Kratersee bei Nacht durch die Glut rund herum leuchten, wie kleine rote Sterne tanzen einzelne Funken im Dunkeln. Doch das Spektakel ist schnell vorüber, denn nun geht es nach ganz oben.

Paradise City

Um 3 Uhr in der Früh, wagen wir die endgültige Bekriechung! Meine Taschenlampe mit tauben Händen schief auf dem Kopf befestigt, hält gerade so stand, als ich mich gelähmt aus dem Schlafsack erhebe und meine Knochen in die richtige Position renke. Ady geht kiffend voran, die Esel folgen. Jeder Schritt ist ein Kampf mit mir selbst, bei dem ich versuche nicht über Lavabrocken zu stolpern oder gegen Felsen zu rennen und trotzdem passiert es mir immer wieder. Als die Sonne langsam am Horizont aufsteigt, sind es noch einige Meter. Ady drillt uns wie im schlechten Film und ich frage mich was dieser Typ da eigentlich geraucht hat, dass er so springmausartig vor uns umher tänzeln kann. Und plötzlich sehe ich den Kraterrand, wir haben es geschafft. Die Sonne geht langsam am Horizont auf und der endlose See wird in ein farbenfrohes Licht getaucht. Ich sinke zu Boden und ein einziger Gedanke, der mir bleibt: „Ich lebe, aber wo ist das Bier?“

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Bei der Rückkehr zu den Zelten verdrücke ich schnell noch ein kleines Bintag, dass Dank eisiger Kälte die beste Temperatur aufweist und freue mich, dass es nun runter zu den Hot Springs zur Erfrischung geht, um die wunden Knochen im warmen Spa zu heilen. Auf dem finalen Weg bergab trinken wir frisches Quellwasser aus dem See, begegnen Rhesusaffen, die frech und mit ausgestreckten Mittelfingern unser Futter klauen und sehen die nächste Gruppe aufsteigen, die uns (offensichtlich) für Neandertaler hält. Mir bluten die Hände, als wir normalen Boden erreichen, ich eine Zigarette anzünde und reglos mit dem Sound von Guns´n´Roses „Paradise City“ in den Jeep sacke und dem Vulkan nachschauend mit einem breiten Grinsen den Rücken kehre. Oh ja, ich lebe und bin tatsächlich wach.

Das erste Mal

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Immer wieder stehen wir in unserem Leben vor den kurzen und simplen Fragen, die sich durch Interpunktion nicht minder von einer Antwort unterscheiden und suchen nach den besten, als auch unkompliziertesten Lösungswegen. Ich spreche weder von akribischen Wurzeln der Mathematik, noch vom Flexionssystem der nominalen Wortarten. Wir sitzen hier nicht im Unterricht von Frau Müller-Meier, sondern im unbändigen Schoß von Mister Life.

Der orangefarbene Anzug nimmt mir die Luft. Und das Augenlicht. Da nützt die tollste Rot-Grün-Schwäche nichts. Dieser furchtbare Anzug muss doch einfach Augenkrebs verursachen, denke ich, während mich jemand auf der Ladefläche eines Mini-Flugzeuges absetzt. Wie kann die BSR mit solchen Anzügen arbeiten, die werden doch alle blind. Unmöglich eine Antwort auf meine Phrasen findend, blicke ich verdutzt durch die verschmutzten Scheiben und beobachte unbewusst, wie ich mich im Sekundentakt von der Erdoberfläche entferne.

„Kann man damit auch ins All fliegen?“ scherze ich doof in Richtung Pilot und fummele nervös an meinem Anzug herum. Ich öffne den Reißverschluss und schnappe überfordert nach Luft. Der große Mann, der mich grob auf die Ladefläche geschleudert hat, trägt den gleichen bescheuerten Anzug und verfolgt konzentriert den Luftdruck auf seinem Tacho. „Stop!“ brüllt er den Piloten an und grinst mich dazu gespannt an. Hilfe, ich schwitze und bin blass und rot und sterbe in genau jenem Moment.

Wozu noch springen? Nein, das war eine dämliche Idee „Haha, na klar“ zu einer lebensbedrohlichen Situation zu sagen. Warum will ich bloß immer so cool sein? „Uncool sein ist das neue In“, lege ich in meinen Kopf fest, doch dafür scheint es nun auch zu spät. „Komm schon“, der Apfelsinen-Mann zieht mich an einem Arm hoch und schreit dreimal durch den überlauten Luftdruck in mein Ohr: „Denk an die Banane!“ Er stellt mich an den Ausgang des Flugzeugs. Die riesige Fliegertür öffnet sich und es wird weiß. So weiß, dass mir vor Augen schwarz wird.

Das einzig Sichtbare in meinem Umfeld sind Wolken, in allen erdenklichen Formen und Farben. Kurz blitzt der grüne Erdball unter mir auf, als ich benebelt hinunterschaue. 4000 Meter, denke ich, den Brechreiz kontrollierend und spüre wie mich jemand kurzerhand und unüberlegt nach vorne schiebt und hinunterstößt. Und nur noch hilflos schreiend fliege ich durch die dicke Wolkendecke hindurch…

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Das war mein erster Sprung aus einem Flugzeug. Sky-Diving nennt man sowas, damit es „cool“ klingt. Ist es aber überhaupt nicht! Dachte ich, bis ich mich wie ein Vogel schwebend in der Luft drehte. Als ich damals an meinem zweiten Aufenthaltstag in Sydney aufwachte, fragte mich mein Mitbewohner ganz nebenbei: „Kati, morgen Sky diven?“ Schlaftrunken, einer Pro-Contra-Konversation dieser Uhrzeit noch nicht fähig, streckte ich meinen Gefällt-mir-Daumen hoch und sabberte „Haha, na klar“ in mein Kissen. So passieren solche Sachen immer. Schläfrig, betrunken, bewusstlos… Nämlich in einem anderen Zustand als einem solchen, in dem man bei diesen Entscheidungen eigentlich sein sollte. Dinge, die man einfach so tut, ohne dass jemand danach gefragt hätte. Oder es irgendwie cool wäre.

Schlimme Sachen passieren immer

Ich habe mehr idiotischen Schwachsinn in Australien gemacht, als irgendwer in meiner Familie oder unter meinen Freunden oder gar ich selbst, vermutet hätte. Ich wurde in einem Käfig herab getaucht und habe Haien zu gewunken, stand einem Krokodil in einem „Betreten verboten“-Moor gegenüber und bin halbnackt, just mit einem Topf auf dem Kopf bekleidet, in der Küche eines Vier-Sterne-Hotels aufgewacht. Und nun fragt ihr euch – Ist die total bekloppt? Doch zu meiner Verteidigung – all das habe ich seitdem nie wieder getan. Vielleicht bin ich mittlerweile erwachsen geworden oder es war so furchtbar, dass ich es nie wieder kann oder es liegt ganz einfach daran, dass ich mich nicht mehr in einem Land aufhalte, in dem mich keiner kennt. Die Problematik der Ja oder Nein-Entscheidungen liegen meist auch nicht fern anderer, an uns gebundener, Personen.

So stellt sich dieses Scheininstrument auch oft als Klarinette, statt Flöte in einer Beziehung heraus. Fremdgehen. Da kann man so oft man will aus dem Flugzeug springen, diese Entscheidung wird dich noch viel länger mit einem Gewissen verfolgen, als du möchtest. Nur das Schlimme daran ist, zu einem Seitensprung sagt die Menschheit schneller Ja, als zum Sprung aus 4000 Meter Höhe. Kostet ja nix. Einmal das kurze Rein-Raus-Spiel durchziehen und das war es dann auch. Als wäre quasi nichts passiert. So denken einige, aber so einfach ist der Fauxpas nicht zu revidieren oder ad acta zu legen. Vorher wird die Beziehung erst zu einem ungemütlichen Knäuel an Intrigen, Rachefeldzügen, bis hin zum Exitus Letalis. Manchmal findet der Seitensprung auch ein gutes Ende. Aber dieser ist kein unüberlegter Luftsprung, der einer Spontanität der Leichtigkeit des Seins entspringt.

Die Insel der Einzigartigkeit

Das erste Mal Sex. Das mag noch eine ganz andere Liga sein. Da ist alles so spannend, so neu, so geplant oder auch so großartig spontan. Eine schöne erste Erfahrung, die unter uns schon jeder gemacht hat. Ob früher oder später. Aber mindestens genauso wichtig und interessant. Diese Entscheidung wird uns im Teenie-Alter ganz automatisch abgenommen. Wir strömen mit dem Fluss des Erwachsenwerdens auf die Insel der Einzigartigkeit zu. Wer dazu Nein sagt, der ist irgendwie kaputt. Oder sechs Jahre alt.

Daraufhin folgt die erste Zigarette, der erste Job, die erste Wohnung und irgendwann haben wir alles schon das erste Mal getan und erfreuen uns an den kleinen Dingen, die wir nur einmal im Leben machen und die uns dennoch prägen und formen, nämlich zu dem was wir sind. Mal einmal. Mal zweimal. Vielleicht aber auch ein Leben lang…

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Die wilde 13

5080 9Ich weiß noch als ich dreizehn war. Da ging das Leben grad so richtig los, zumindest in meinem Kopf und was die soziale Bypass-OP um mich herum betraf, da hatte die ganze Familie was von.

Der Supermarkt, der uns krampfhaft köstliche Kirschliköre eigens in der Lagerhalle dank Überstunden eines nicht allzu ernstzunehmenden Angestellten zubereitete, war die Rettung aller jugendlichen Universen im Betonblock.

Tagsüber verkrochen wir uns dutzendweise in viel zu kleinen Familienwohnungen und ließen den Amiga heiß laufen, bis die Siedler sich vor uns versteckten.

Oder wir kochten Spülmittel mit Reisbeuteln, bis der Topf explodierte. Oder wir aßen Zimt. Einfach nur, um zu gucken was so passierte. Letzteres hatte meist einen übernatürlichen Erguss des Mageninhalts von Kirschlikör und den letzten drei Wochen Nahrungszufuhr zur Folge.

In gewisser Hinsicht habe ich mich mit 13 erst selbst kennengelernt (ja, auch mein Inneres), aber das müssen wir alle irgendwann einmal. Und lieber früher/später als nie.

So auch das Jahr 2013, das ganz harmlos mit der Zubereitung einer Kirsch-Wodka-Bowle für den Nachbarschaftstreff im „Kleine Elfen helfen“-Verein, einer Benefizveranstaltung meiner Oma zum Neujahrsempfang, im Kreis der Familie und alter Freunde stattfand.

Dieser jährlich zum 01.01. daherkommende Besäufnis-Auftakt ist natürlich immer wieder aufs Neue unfassbar günstig für eine gemütliche Runde im Grünen mit Hund und Katz gelegen. Da macht meine Oma keinen Hehl draus, da kann selbst der Opa nur debil grinsend nicken und sich dem Gesäusel der lieblichen Stimme seiner kettenrauchenden Frau beugen.

Um 10 Uhr hatte der Wecker bereits 100 mal geklingelt, um mich aus dem Konfetti-Bett zu werfen. Um 11 Uhr hatte ich noch 10 Minuten, um mich von der Jägermeister-Infusion abzuklemmen und im Turbo-Modus an das Phänomen Licht zu gewöhnen. Um 12 Uhr musste ich mit allen Körperteilen bei meiner Oma erscheinen.

Auf dem Pfandfinder-Weg ins „Kleine Elfen helfen“-Paradies begegnet mir so gut wie niemand. Nur ein paar abgebrannte Raketenwerfer und jede Menge Kompost, der seine Tage schon hinter sich hat, schmücken die seelenlosen Kopfsteinpflaster.

Der Regen peitscht mir immerzu ins Gesicht und durchtränkt meine nigelnagelneue Jacke, die ich doch am Vortag noch feinsäuberlich an der Garderobe abgegeben hatte, um sie präventiv von jeglichen Witterungen fernzuhalten. Wie auch immer, ich warte auf den Bus. Der schon bald anrückt, um meinen Fahrschein zu sehen und mich mit trostlosem Blick hereinzubitten.

Nun sitze ich da und beobachte schlaftrunken die anderen Gäste, die ihre Party schlichtweg ins trockene Fahrgestell verlegt haben. Mir werden Tablettenschieber und Asthma-Sprays unter die Nase gehalten, die ich mit verzerrter Stimme immer wieder von mir schiebe.

Meine Kirschlikör-Freunde sind auch da, sie schreien belustigt „Hier müssen wir raus, Endhaltestelle!“ Ich stehe auf und springe in die Luft, meine Oma steht schon vorm Bus. Sie empfängt mich mit einem vertrauten Lächeln und klopft mir verzückt auf die Schultern.

Ich blicke ihr glücklich ins Gesicht und kuschle mich in ihre widerstandslosen Arme, bis sie mich in eine warme, schwere Decke einhüllt, die mich nicht mehr sehen, aber insgeheim wissen lässt, das die 13 schon längst gekommen ist.

Happy New Year!

Ohnmacht

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Blut. Das ist alles was ich sehe als auf meine Hand hinabschaue. Okay. Punkt 1: Ruhig bleiben. Das Messer vorsichtig aus dem Daumen ziehen. Nur Blut. Punkt 2: Atmen nicht vergessen. Der Finger ist bestimmt noch dran. Plötzlich dieses Knacken als die rot glänzende Schneide des Küchenmessers schleichend zum Vorschein kommt. Es brennt wie Feuer. Ich stöhne lautlos auf. Die Säure einer verfluchten Limette ätzt meine offene Wunde skrupellos wie ein rohes Stück Fleisch in einer Coca-Cola-Lache weg. Was hilft jetzt? Punkt 3: Schreiend im Kreis rennen und… Pflaster. Das Messer fällt klirrend zu Boden während ich mich schwebend in einer 180°C-Drehung mit blutverschmierten Händen dem Erste-Hilfe-Koffer im Regal zu wende und panisch mit den Armen in der Luft wirble, im gleichen Moment den Umriss einer Person im Augenwinkel wahrnehme, doch trotz angestrengt zugekniffener Lider nicht mehr als den weißen Schleier meiner Imagination registriere, der sich sanft und gemütlich in meinem Kopf ausbreitet und mich partout zu einer leeren Blase im Universum werden lässt. Dazu ertönen The Smiths mit „There is a light that never goes out“. Der Song, der auf meiner Beerdigung laufen sollte…

„Kati! Wir müssen zum Notarzt“, brüllt mich jemand hysterisch im fahrenden Auto an. „Ich bin doch nicht taub“, sage ich als wäre nichts und werde mir mit meinem Spiegelbild in der Windschutzscheibe sogleich darüber im Klaren was überhaupt gerade vorgefallen ist. Schockiert reiße ich die Hände wie bei einer La Olá im Stadion in die Höhe und fange auf dem Beifahrersitz laut an zu heulen. Gegnerisches Tor und, noch viel schlimmer, nur NEUN Finger. Ich zähle entsetzt noch mal nach, rechnen war noch nie meine Stärke. Aber weiterhin… NEUN. „Keine Sorge“, murmelt mein Fahrer „wir haben alles dabei“ und grinst mich, mit einem Frischhaltebeutel vor meinem Gesicht wedelnd, dämlich von der Seite an. Das kann doch nicht wahr sein, denke ich und spucke ihm wütend ins Gesicht. „Jetzt hab dich doch nicht so! Wir fahren dich schnell ´rüber und dann wird das Ding wieder ´rangetackert“ kommt ein gütiger Zuspruch von der Rückbank. Überrascht drehe ich mich um und sehe einen Hund. Einen sprechenden Hund. Brian? Sieht zumindest aus wie Brian. „Wo kommt der Hund aus Family Guy her?“ frage ich den Fahrer, der im Übrigen mein Kollege von dem Ort des Verbrechens ist, an dem mich eine olle giftgrüne Limette fast mein Leben gekostet hätte. Doch eine Antwort darauf erhalte ich nicht.

Mit qualmenden Reifen hält der Leichenwagen mehr oder weniger vor dem Krankenhaus und ich flitze, a la Roadrunner vom Koyote verfolgt, an die Rezeption und erblicke keuchend zwei aufgedunsene, wasserstoffblonde Damen in pinken Overalls. „Hallo“ sage ich ganz gewöhnlich zur Begrüßung und warte auf eine Reaktion. Nichts. Nicht mal ein Nicken. Die Kleinere der Beiden, ihres Zeichens Kompottschalen-Brillenträgerin, hebt gähnend ihren weißen, fleckigen Arm und beträufelt lustlos die längst verstorbene Sonnenblume mit einer Pipette. Mein Blick schweift entgeistert auf ein Pamphlet vergilbter Akten, woran sich die French-Nails der anderen Dame, begleitet von den Worten „Alles in den Wolf“, zu schaffen machen. Kurze Stille. Ich öffne hastig meinen Mund, um eine weitere Grußformel in den Raum zu werfen als das Telefon schrillend meine Stimme übertönt. Die Diamant-besetzten Nägel wandern an den Hörer, führen ihn sacht an das faltige Ohr und die fettigen Lippen pressen spitz „Sie sprechen mit Grütze“ hervor. Mein Mageninhalt steigt mir ruckartig zum Hals empor. Mit zusammengepressten Zähnen sehe ich die Brillenträgerin im Eierlauftempo auf mich zu kommen und im nächsten Moment meine Broccoli-Pasta auf den Kompottschalen vor ihren Augen haften. Wie ein Käfer kippt die alte Dame auf den Rücken und bleibt reglos liegen. Schach matt. Mir egal, ich bin jetzt dran, mein Finger wurde schließlich von meinem Körper getrennt. „NEUN!“ Kaum komme ich zur Sprache, landet eine Faust in mein Gesicht und befördert mich zu Boden.

Als ich aufwache liege ich in einem Bett. Ich setze mich vorsichtig auf und analysiere misstrauisch meine Umgebung. Es ist dunkel und kalt. Meine Gedanken sind erloschen. Was mache ich hier? Wer bin ich und überhaupt? Über mir summt etwas, dass ich im schwarz nicht ausmachen kann. „Die Sicherung ist durchgebrannt“, erklingt plötzlich eine Stimme hinter mir. Erschrocken zucke ich zusammen und spüre den Atem der Person in meinem Nacken, so sehr, dass sich meine Härchen zurück in die Poren drängen wollen. Ich bleibe starr sitzen und spüre wie mein Herz schmerzhaft gegen meinen Brustkorb hämmert. Laut entzündet sich eine Flamme an meinem Gehör. Licht. Ein Gesicht. Nein, eine Maske. Die eines Hasen. Meine Hände ballen sich verstört zu Fäusten. Doch ich kann meine Finger nicht bewegen. Ich kann plötzlich nichts mehr bewegen. Mein Körper ist eingehüllt, in etwas, dass mir von allen Seiten tonnenschweres Gewicht aufdrückt. Ich möchte schreien, aber es geht nicht. Der Hase hüpft um das Bett herum und fängt an mit Gläsern zu klirren. Ich erkenne ihn nur im Halbdunkel. Er fängt an sie zu sortieren und zu putzen und schenkt mir nun keinen Funken Beachtung mehr. Immer wieder von Neuem greift er mit seinen schneeweißen Pfötchen ein Glas, sortiert und putzt. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren und beobachte dieses Spektakel unendlich lang. Zu lang. Meine Lungen füllen sich langsam mit Luft, ich kann wieder atmen. Meine Sinne kehren zurück. Der Raum nimmt Gestalt an. Töne dringen in mein Ohr. Doch trotzdem wende ich den Blick von dem Hasen keine Sekunde ab und kette meine ganze Kraft an ihn. Er kommt mit einem Behälter auf mich zu und erzählt irgendwas von „Wasser“ als ich von einer monströsen Welle klargespült werde. Ich schließe für einen Moment die Augen und lasse meine nassen Lider ruhen. Und plötzlich ertönt seine Stimme wieder, diesmal ganz klar und deutlich: „Kati!“ Ist das mein Name? Blitzartig öffne ich die Augen und blinzele als ich einen Menschen vor mir stehen sehe. Es ist mein Kollege, der mich im Leichenwagen zum Krankenhaus gefahren hat und er sagt: „Kati! Wir müssen zum Notarzt.“

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Klicken, lesen und hören.

Es ist wie das Leben in einer hermetisch abgeriegelten Käseglocke.

Du steckst fest und versuchst darin zu atmen, doch mit jedem Atemzug wird die Luft weniger und mit jedem Blinzeln beschlägt das Glas mehr und mehr.

Sauerstoffarm.

Schwindelig.

Schwach.

Du versuchst aufzustehen und weiterzugehen, aber deine Beine brechen gnadenlos unter dir weg.

Gefangen mit Gedanken, die nicht raus können, die sich mitteilen wollen, aber niemand ist da.

Niemand, außer dir.

Es bringt nix drüber zu reden, es hilft vielmehr es von sich ab-zu-schreiben.

Die unverstandene, hässliche Welt, die von Ungeziefern besiedelt ist.

Die sich durch deine Haut beißt und deine Seele ergreift.

Du fasst all deine Gedanken zusammen und speicherst sie auf einem kleinen Stix, welchen du in eine Flasche steckst und auf die Reise schickst.

Er wird irgendwo ankommen.

Bei jemanden, der dich nicht kennt, der dich aber umso besser verstehen und von deiner Last befreien wird.

Dann wird es ganz still.

Ganz heimisch.

Und du bist wieder da, wo du hingehörst.

In deinem Universum, in dem die Luft durch deine Lungen dringt und deine Adern das Blut durch dein Herz pumpen.

Du bist wieder frei.

Du hörst wieder Klänge und verspürst Freude.

Du existierst nun da, wo es am schönsten ist.

Zwischen den Welten.

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Die Chance zu leben

Die Luft ist kalt und rein, nur der Zigarettenrauch, den ich schweren Herzens inhaliere, hält mich in jenem Moment warm. Zu wirr sind meine Gedanken als das ich sie geordnet aus den Schubladen holen und abrufen könnte. Der menschliche Mechanismus in mir funktioniert nicht mehr. Schon seit ein paar Tagen, Wochen, vielleicht auch Monaten. Seit ich weiß, das mein Bruder aus dem Gefängnis entlassen wird.

Eine Reisetasche der letzten dreizehn Jahre hängt leicht und unbeschwert auf seiner Schulter als er mir mit kleinen, blinzelnden Augen gegenübertritt. Sein Aussehen hebt sich komplett von dem meines Bruders ab. Er hat braunes Haar, welches fast bis über die Ohren reicht. Sein Gesicht ist markant und eingefallen, aber dennoch rosig und frisch. Den dunkelblauen Trenchcoat trägt er passend zur Farbe seiner Nike Schuhe, die sportlich und neu im Wintersonnenschein glänzen.

„Im Gegensatz zu dir, sehe ich aus wie eine Second- Hand- Kleiderstange!“, rutscht es mir ungeniert als Erstes raus. „Naja, mein Betreuer hat sich gut um mich gekümmert.“ entgegnet er mir verlegen. Ich öffne meine Arme zur Begrüßung und schließe ihn ganz fest ein. „Du hast mir gefehlt, Eric.“ Während er sich langsam aus meiner Umarmung löst, schaut er betreten zu Boden und flüstert: „Jack.“

Sie haben ihm eine neue Identität gegeben. Einen neuen Namen. Ein neues Leben. Er ist nicht mehr der Mörder eines gleichaltrigen Mädchens, welches er als Zehnjähriger mit seinem besten Freund im Fluss unter einer entlegenen Brücke mit einem Holzpfeiler getötete hat. Er ist Jack. Mein Bruder, der ganz von vorn anfängt.

„Was ist ein Panini?“ fragt er mich die Speisekarte wie ein Blinder studierend und schaut entgeistert auf. „Das ist ein italienisches Sandwich, welches meist warm serviert wird.“ antwortete ich monoton und reiche ihm eine Zigarette über den Tisch. Es ist seltsam, ihn bei mir zu haben, nachdem er ewige Zeit weggeschlossen und aus meinem sozialen Umfeld entrissen war. Es ist, ganz übel ausgedrückt, als würde das Plüschtier, welches seit der Teeniezeit im Karton auf dem Dachboden verbracht hat, wieder hervorgeholt, entstaubt und enthusiastisch durch die Gegend geworfen werden.

Unsere Eltern haben Eric seit der Verurteilung aufgegeben. In ihren Köpfen und ihrem Lebensinhalt existiert mein Bruder nicht mehr. Zu schlimm war für sie das Geschehen, dass sich damals in unserer Nachbarschaft und Familie ereignete. Eric war schreiend vom dem Tatort nach Hause gerannt. Blutverschmiert und weinend saß er am Küchentisch als ich ihn mit Kinderaugen sah. Mein Vater prügelte auf ihn ein. Meine Mutter hielt sich entsetzt die Hände vors Gesicht. Keiner hatte sich unter Kontrolle.

Die Polizei führte einen Zwölfjährigen im großen Stil eines Schwerverbrechers ab. Die Handschellen auf dem Rücken, die Waffe im Genick. Eric warf mir durch die Fensterscheibe des Polizeiwagens einen letzten Blick zu, der Nacht für Nacht in meinen Träumen sagte: „Bitte vergib mir!“ Die Welt brach für mich jeden Tag erneut zusammen und ich hörte auf zu Atmen. Ich wusste nicht was geschehen war. Blut und Mord füllten meinen sonst so leeren Kopf. Und die gleichen unbeantworteten Fragen kreisten ewig um mich herum, wenn ich in seinem leeren Zimmer saß und verloren aus dem Fenster blickte: Warum mein Bruder? Was hat ihn dazu veranlasst? Was ist an diesem Tag mit ihm passiert?

Nun sind die Dinge klar und gerichtet. Eric wurde damals von seinem besten Freund genötigt das Mädchen zu töten. Er hatte nie eingewilligt und im Eifer des Gefechts keine Kontrolle über den Verlauf gehabt. Das Mädchen wehrte sich und schlug auf seinen Freund ein. Ihn ereilte die Ohnmacht und er hörte nur noch Schreie, die sich mit Wasser vermengten und bald für immer im Strudel untergingen. Am nächsten Tag fand man seinen besten Freund tot auf. Er hatte sich umgebracht.

Die Strafe musste er alleine absitzen. Dreizehn Jahre. Und als es vorbei war, wollte er nicht raus. Doch ich habe ihn geholt und ihm die Welt gezeigt. Ich weiß auch, das es richtig war, selbst wenn die Menschen denken es wäre falsch. Sie hassen ihn, sind wütend und das auch zu recht. Auch jetzt noch. Die Gerechtigkeit gegenüber der Familie des Mädchens wird nie komplett vergolten sein. Aber das Leben geht weiter und er geht mit.

Heute ist mein Bruder Rettungsassistent. Fünf Jahre sind vergangen seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde, nahezu zwanzig seit er an einem Mord beteiligt war. Ein Mensch ist gestorben und unzählige leben weiter. Das ist keine Entschuldigung, kein Vergeben und kein Vergessen, aber es ist ein Schritt. Ein Schritt, der uns menschliche Vernunft aufzeigt und uns lehrt, das wir ein richtiges Leben haben, welches wertvoll und schätzbar ist, wir es aber dennoch vor dem Tod nicht retten können.

Don’t stop to breathe

I will bury you there’s a place in my heart

Where we could be better off alone

I will bury, you let it go

Elf Minuten

Es war einmal ein Vogel.
Er besaß ein Paar vollkommener Flügel und glänzende, bunte, wunderbare Federn und war dazu geschaffen frei am Himmel zu fliegen, denen zur Freude, die ihn sahen. Eines Tages sah eine Frau diesen Vogel und verliebte sich in ihn. Sie schaute mit vor Staunen offenen Mund seinem Flug zu, ihr Herz schlug schneller, ihre Augen leuchteten vor Aufregung. Er bat sie, ihn zu begleiten und beide schwebten in vollkommenener Harmonie am Himmel. Und sie bewunderte, verehrte, ja feierte den Vogel. Aber dann dachte sie „Vielleicht möchte er ferne Gebirge kennenlernen“ und die Frau bekam Angst. Fürchtete, dass sie so etwas mit einem anderen Vogel nie wieder erleben könnte. Und sie wurde neidisch auf den Vogel, der aus eigener Kraft fliegen konnte. Und sie fühlte sich allein und dachte „Ich werde dem Vogel eine Falle stellen, wenn er zurückkommt, wird er nie wieder wegfliegen können“.
Der Vogel, der auch verliebt war, kam am nächsten Tag zurück, ging in die Falle und wurde in einen Käfig gesteckt. Die Frau schaute täglich nach dem Vogel. Er war ihre ganze Leidenschaft und sie zeigte ihn ihren Freundinnen, die meinten „Du hast vielleicht ein Glück“. Dennoch vollzog sich eine merkwürdige Veränderung. Seit sie den Vogel besaß und ihn nicht mehr zu erobern brauchte, begann sie das Interesse an ihm zu verlieren. Der Vogel, der nicht mehr fliegen konnte, was den Sinn seines Lebens ausmachte, wurde schwach, glanzlos, häßlich. Die Frau beachtete ihn nicht mehr, fütterte ihn nur noch und reinigte seinen Käfig.
Eines Tages starb der Vogel. Die Frau war tieftraurig und konnte ihn nicht vergessen. Aber sie erinnerte sich dabei nicht an den Käfig, nur an den Tag, als sie den Vogel zum ersten Mal gesehen hatte, wie er fröhlich zwischen den Wolken dahinflog. Hätte sie genauer in sich hineingeschaut, so hätte sie bemerkt, dass das, was sie am Vogel so sehr begeisterte, seine Freiheit war, sein kräftiger Flügelschlag, nicht sein Körper. Ohne den Vogel, verlor auch für die Frau das Leben seinen Sinn und der Tod klopfte an ihre Tür. „Wozu bist du gekommen?“ fragte sie den Tod. „Damit du wieder mit dem Vogel zusammen am Himmel fliegen kannst!“ gab der Tod zur Antwort „Wenn du ihn hättest fliegen und immer wiederkommen lassen, hättest du ihn geliebt und noch mehr bewundert. Aber nun brauchst du mich, um ihn wiederzusehen.“
(P.Coelho)

pieces

Viktor

Die ersten Sonnenstrahlen, die nach dem Unwetter der vergangenen Nacht, die Stadt wieder aufatmen ließen, drangen durch die dicht besiedelte Walnussbaumfamilie des Vorgartens in das, noch von friedlichem Schlaf und kühnen Träumen erfüllte, Zimmer des kleinen Viktor Cortez. Die vom Wasserdunst  beschlagene und von spinnenartigen Regentropfen übersäte Fensterscheibe war durch die stürmischen Böen ein wenig aus den Angeln gehoben worden und bewegte sich nun unachtsam des bebenden, von farbigen Wolldecken und schweren Kissen verhüllten Wesens, in dem Geflüster des Windes weiter. Das Haus der Familie Cortez hatte schon vor Jahren seinen ebenbürtigen Charme und unverkennbaren Glanz für ein unaufhaltsames Altern, dass sich durch faltiges, verwittertes Aussehen auszeichnete, abtreten müssen. Das Spiel zwischen Wind und Fensterscheibe setzte sich in quietschenden und knarrenden Tönen solange fort, bis sich der 14-Jährige in seinem Bett unter der Decken aufzusetzen schien, um diese langsam von seinem Kopf zu schieben, bis seine schlaftrunkener Blick das nervenberstende Gespann ins Visier nahmen. Schach matt! Viktor warf den Wollhaufen von sich und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Seine nackten Füße bahnten sich durch den Bücherteppich bis hin zum Fenster.  Aufgeschlagene und verschlossene,  alte und neue, schillernde und farblose Werke sämtlicher Schriftsteller entwarfen diesen einmaligen und nur schwer überquerbaren Bodenspanner. So gelang es Viktor immer wieder von neuem über eines seiner Bücher zu stolpern und reflexartig einen Fluch von sich zu geben. Er raffte sich in Sekundenschnelle wieder auf, wobei ihm der Gedanke durchfuhr, das Chaos eines Tages wieder ins Reine bringen zu wollen. Diese Überlegung war ihm schon so einige Male gekommen, doch hatte sich eine akut bedrohliche Situation dazwischen gedrängt oder sein eigenmächtiger Wille stets entzogen diesem Durcheinander standzuhalten. Wie oft hatte ihn seine Mutter dafür getadelt und ihn trotzdem nie zur Einsicht bringen können, was aber viel mehr aus dem Tod seines Vaters resultierte als aus dem eigentlich genannten Grund. Viktors Vater brachte nämlich die Gewohnheit mit sich seine Bücher nicht in die dafür vorgesehenen Regale sondern stets auf dem Fußboden zu hüten. Was wohl daran liegen mochte, dass sein Vater sich darin übte auf dem Boden zu lesen und zu schreiben. „Schreibtisch und Stuhl wurden nur erfunden, um jemanden seiner Freiheit und somit seinem Geist und der Inspiration, die es beim Schreiben bedarf, zu berauben!“, war das konstruktive Argument, dass er in Momenten der Fragerei anderer Menschen, die sich diesem Mythos der Bodenbücherwerkstatt nicht hingeben wollten, meist von sich gab und wofür er grämende, spöttische aber auch befürwortende Worte seiner Mitmenschen erntete. Endlich am Fenster angekommen, ergriff Viktor sofort den Riegel, um das Fenster zu schließen und die verspielten Böen vollends in die Schranken zu weisen. Mit einem Siegertreppenlächeln klopfte er sich die meisterlichen Handflächen ab, schloss die Augen und gab sich den wärmenden Sonnenstrahlen, die seinem unschuldigen Gesicht schmeichelten, gedankenlos hin und träumte. Bis er aufschrak als sich plötzlich etwas auf seinem blassen Fuß niederließ und  er reflexartig, in der Annahme es handle sich um eine Spinne, die er hin und wieder schaudernd in seinem Zimmer empfing, einen Schritt zurücksprang und mit weit aufgerissenen Augen auf das Objekt seiner Pulsraserei starrte. Es war ein Zettel. Stop. Es war nicht nur ein Zettel. Es war ein goldfarbenes Stück Papier, welches durch eine schwarze Baumwollschnur streng zusammengerollt, jedoch liebevoll mit einer Schleife verziert, einen mysteriösen Eindruck auf ihn erweckte. Im ersten Moment stand er still und es schien als würde die Welt mit ihm stehen. Kein Ton, keine Bewegung, kein… Atem. Viktor blies mit sich aufblähenden Wangen kräftig Luft aus seinen Lungenflügeln und seine wirren schwarzen Haare aus dem Gesicht. Er kniete nieder und betrachtete skeptisch das Papier wie einen auf dem Rücken liegenden Käfer, nur das er sich seines sonst so ermutigenden Ausrufe: „Hey stand up! Go! You get it!“ ersparte. Seine Fingerspitzen berührten vorsichtig die unbekannte Entdeckung, um im nächsten Moment aus, man darf sagen, jugendhaften Leichtsinn der Neugier nicht länger standhalten zu können. Ja, Leichtsinn. Denn mit dem Losbinden der Schnur und dem Öffnen der goldenen Botschaft entstand für Viktor eine rätselhafte Aufgabe und ein zugleich spannendes und nicht minder gefährliches Abenteuer…

Der Keksknopf

Es war einmal ein Keks in einer Cookiedose.

Er wuchs auf einem warmen Backblech in Anwesenheit eines rothaarigen Mädchens, das einen zur Palme zusammengebunden Haarschopf trug, in ruhiger, gelbdurchfluteter Atmosphäre und geborgen durch das Dasein anderer Nesthäkchen im Ofen auf. Er fühlte sich daheim und wohl.

Doch eines Tages öffnete das Mädchen seine Brutstätte und grinste ihn frech mit ihrem Sommersprossengesicht an. Sie griff ihn achtlos, trug ihn zahntropfend zu einer regenbogenfarbenen Blechdose und nahm ihm seine Sinne. Der Keks wusste nicht wie ihm geschah. Grübelnd saß er nun in dieser Dose und dachte er müsste Zeit seines Lebens in der Dunkelheit verbringen. Bis ihn jemand von der Seite anstieß: „Bist du Nummer 85?“  Der Keks erschrak und blieb zunächst stumm. Die flüsternde Stimme räusperte sich und wagte einen erneuten Versuch: „Hab keine Angst, ich werde dir nichts tun. Ich bin genauso wie du.“ Also gut: „Wer bist du?“ platzte es aus dem kleinen Keks heraus. „Ich? Ich bin Nummer 63.“ Gab der Insasse sofort zur Antwort. Der Keks versuchte ihn in der Finsternis auszumachen, aber der Raum war tiefschwarz und die Gestalt seines Gegenübers blieb unscheinbar. „Morgen bin ich an der Reihe, ich hab keine Chance mehr. Wir alle haben keine Chance mehr. Wir müssen unser Leben in einer Welt lassen, die nach uns giert und uns nicht länger duldet.“ Dem Cookie wurde es unheimlich: „Warum sagst du so etwas?“ fragte er mit vor Zittern verzerrter Stimme. „Weil ich lang genug in dieser Zelle gefangen bin, um das zu wissen.“

Plötzlich fing die Cookiedose zu beben und wackeln an und alle Kekse gerieten durcheinander. Nun lag der alte Keks, der zu deinem jungen Cookie gesprochen hatte an oberster Stelle und flehte: „Bitte nicht. Ich will noch nicht sterben. Nein!“ Es wurde unruhig und ein lautes Gewimmer aller anderen Gefangenen war zu vernehmen. Die Stimmung wurde kälter und bedrückender als zuvor und der Keks verfiel in angsterfüllte Panik. Ein fluoreszierendes Licht drang in den Raum und im nächsten Moment begriff der Keks, dass jemand die Dose geöffnet haben musste. Er schaute nach oben und entdeckte das Gesicht eines zahnlosen alten Mannes, das ihn rätselnd angrinste. Daraufhin kletterte ein fünfköpfiger Wurm in die Dose und schnappte zugleich drei schreiende Kekse, die sich dieser grausamen Kreatur wehrlos und ausgeliefert  hingeben mussten.

Der kleine frischgebackene Cookie erlebte diese eiskalte Opferung nun von Tag zu Tag. Immer wieder wurde einer seiner neugewonnenen Freunde aus der Dose genommen und von den Monstern gequält.  Und jedes Mal hörte er noch ihre Schreie, nachdem die Dose geschlossen und in schwarzes Licht getaucht wurde. Er fühlte nichts mehr, war leer und stumpf.

Schließlich kam der Tag an dem als letzter und einziger Keks in der Dose verblieb. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben und sah seinem Todestag entgegen bis ihm plötzlich wieder dieses rothaarige Mädchen anblickte. Sie schaute ihn, im Gegensatz zu den anderen verschlingenden Fratzen, lächelnd und aufmunternd an und sprach ihm liebevoll zu. Der Keks geriet außer sich vor Erstaunen, darüber, dass er eine menschliche Stimme hören konnte. „Hallo Herr Knopf.“ sagte sie „Hier bist du! Ich habe dich schon überall gesucht und nirgends gefunden. Ich hätte dich schon fast gegen einen neuen Knopf ersetzt, aber immerzu musste ich an dich denken und konnte den Gedanken einen Neuen zu holen nicht ertragen. Du wirst ab sofort immer bei mir bleiben und wir werden unser Lebens zusammen verbringen. Das verspreche ich dir! Und nun wird es Zeit, dass du ein neues Zuhause bekommst – du wirst der Herr Knopf meiner liebsten Mütze und mein treuer Gefährte auf die Reise durch die Welt!“