Der ungewollte Zuhörer

Mein Kopf schmerzt. Ich schaue mich hilfesuchend im Raum um und sehe einen Wasserspender. In Zeitlupe lege ich den Klamottenberg, der mächtig auf meinen Beinen lastet und dem Kilimandscharo gleichkommt, zur Seite und bereite mich hustend auf den Gang zu dem in zwei Meter Luftlinie liegenden Wasserspender vor. Luftlinie, überlege ich noch während ich mich erhebe, sagt man das überhaupt bei solch einer kurzen und greifbaren Entfernung? Eigentlich kenne ich den Begriff nur von richtigen Strecken wie auf Autobahnen und logischerweise Flügen. Wiederum, wenn die Entfernung doch greifbar ist, macht die Aussage über eine Luftlinie durchaus Sinn. Schließlich ist sie zum Greifen nah. Oder ist dem nicht so? frage ich mich und denke mit dem Wasserbecher in der Hand, bereits wieder auf dem Stuhl sitzend und erfolgreich von meinem Kopfschmerz abgelenkt, darüber nach.

Plötzlich durchfährt ein Klingelton den Raum. Es klingt nach einer Mischung aus japsendem Frosch und gackerndem Huhn. Der Angerufene hebt blitzschnell ab, sodass mir leider versagt bleibt, herauszufinden um welchen zeitgenössischen österreichischen Rapper es sich handelt. Das Gespräch, dass just in dem Moment beginnt ist jedoch nicht weniger interessant und lässt mich innehalten. „Ich sagte dir doch, du brauchst nicht anzurufen.“ beginnt die Begrüßung des mir gegenüber sitzenden Mitte zwanzigjährigen Zugezogenen mit schwarz gefärbten Haaren, schwarzer Hose, schwarzer Sporttasche und weißen Sneakern. Entweder hatte er gerade vor zum Langhantel-Training ins Mc Fit zu gehen oder im nächsten Weekday-Shop seine Schicht anzutreten. „Wir haben uns ja nicht ohnehin getrennt.“ heißt es weiter und holt spätestens jetzt genügend Zuhörer für den Live-Podcast ab.

Die vielen Augen aus dem Raum, die zuvor auf das Smartphone oder in ein ausliegendes Magazin gestarrt haben, sind jetzt ganz gezielt auf die Person in schwarz gerichtet. Es erinnert an das Schauspiel einer Tierdokumentation von National Geographic, bei dir sich in sengender Hitze dutzende Hyänen, um eine von der Herde abgekommene Gazelle versammeln und auf den richtigen Moment warten, bis sie sich auf ihr todgeweihtes Opfer stürzen. In diesem Fall jedoch, handelt es sich nicht um das Opfer, sondern um die Hyäne, die die Gazelle am anderen Ende vom Hörer gerade in Stücke reißt: „Chlamydien ist nun mal die beliebteste Krankheit unter den Geschlechtern. Hättest du das Antibiotikum vernünftig genommen, wäre auch alles gut gegangen, Alina.“ – Die Gazelle hat einen Namen.

In den nächsten 20 Minuten wird heiß darüber hin und her diskutiert, wie die Krankheit entstanden und verlaufen ist und was nun final zu machen ist. Sie scheint sich damit nicht recht wohl zu fühlen. Er hingegen ist ziemlich sicher, dass sich die Welt auch so weiterdreht. Als Außenstehender sitzt man anonym da, hat ungewollt das ganze Gespräch mitverfolgt und möchte dennoch den Meinungsaustausch bilden. Zumindest mir geht es so und auch an den anderen Gesichtern lässt sich unschwer erkennen, dass ein leiser Appell im Raum liegt. Wer wird nun der Erste sein, der sich ans Rednerpult stellt und die Podiumsdiskussion eröffnet?

„Frau Olszewski“, höre ich es rufen und werde kurz wach, um festzustellen, dass ich in der Arztpraxis sitze und nun an der Reihe bin. Als ich das Behandlungszimmer wieder verlasse, ist die Hyäne in schwarz bereits verschwunden. Ob zum Arzt, zu Mc Fit oder Weekday, das weiß ich nicht. Jedoch habe ich jetzt das komplette Krankheitsbild der Chlamydien kennengelernt und kehre mit dieser Erkenntnis hustend und erschöpft in mein Krankenbett zurück. Hoch lebe die Grippe!

 

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Wilfried & Willy

Wilfried, ein ehemaliger Arbeitskollege, Archivar, 30 Jahre alt und Single, empfindet eine überaus große Zuneigung für Katzen. Daher hat er sich, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, genau solch einen haarigen Vierbeiner für das bedingungslose Zusammenleben angeschafft.

Der Tag im Knast

„Ich werde eine aus dem Knast holen“ hörte ich es plötzlich hinter meinem Stuhl wie eine Staubwolke hervorkriechen und riß meinen Blick vom PC hoch. „Was?“ entglitt es mir perplex, als ich schon ahnte, worum es ging und Wilfried mich darum bat, ihn nach Feierabend ins örtliche Tierheim zu begleiten. Dagegen spricht auch nichts, dachte ich und rätselte noch über die Staubwolke, die quasi den nerdigen, imaginären Freund meines Kollegen in einem Comic darstellen könnte. Es ist definitiv an der Zeit für Veränderung, vor allem für Wilfried, der sonst mit dem Entstauben alter Akten seinem Dasein bis ans Lebensende fristet oder womöglich noch zur Zeichentrickfigur wird.

Der Katzenkäfig, vor dem wir standen, war großzügig ausgestattet. Darunter waren dutzende Spielzeuge in Form von Mäusen, bunte Leckerlis, die sich im Fressnapf türmten und eine Klobox aus Holz, welche mehr Ähnlichkeit mit einer Sauna aufwies, als dass sie einer Einrichtung für die Notdurft gleich kam. Sogar ein Katzensofa war vorhanden. Sofern man das überhaupt so nennen darf, in gut situierten Kreisen würde man wohl eher von dem Thron einer Diva sprechen. Doch stehen wir hier nicht im Wohnzimmer von Kim Kardashian, sondern vor dem Käfig einer Katze namens Willy.

Am Gitter des Käfigs entdeckte ich neben dem scheinbar willkürlichen Tierheim-Namen der Katze, zusätzlich deren Eigenschaften in drei Worten zusammengefasst: anhänglich, verspielt und stubenrein. Drei ziemlich gute Adjektive wie ich fand und so fand auch Wilfried. „Hervorragend“ gluckste er und las weiter: „Die kleine Willy, ist ein verschmuste Dame, die auf der Suche nach einem Herrchen ist, das ihr den Weg weisen kann.“ „Die kleine Willy?“ fiel ich ihm verwirrt ins Wort. „Seit wann heißt ein Mädchen Willy?“ „Hm, keine Ahnung“ entgegnet mein Kollege schulterzuckend und kontert dabei doof: „Seit ihr Herrchen Wilfried heißt?“ Ich konnte nicht mehr, als ihn mit hochgezogenen Augenbrauen zu belächeln und über den schmalen Grad zwischen Fremdscham und Mitleid zu sinnieren.

Urlaub und andere Unmöglichkeiten

Willy war also ein Mädchen und lebte fortan bei Wilfried in einer eheähnlichen Gemeinschaft, deren erste Regel besagte: Sollte Wilfried eines Tages arbeitslos oder arbeitsunfähig werden, sieht sich Katze Willy des Amtes wegen imstande bis zum Übergang oder gar bis ans Lebensende für ihr Herrchen aufzukommen und sei es der letzte Brocken im Napf, welcher in schlechten Zeiten zum Verzehr hinerlassen wird. In guten Zeiten passiert sowas natürlich nicht, denn da gönnt man sich was. Und so war es nach drei Monaten „Tier-Mensch-Beziehung“ soweit, in den wohl verdienten Urlaub zu fahren.

Den letzten Arbeitstag verbrachte Wilfried schweißgebadet am Telefonhörer unseres Callcenters. Dort, wo eigentlich ein Praktikant sitzen sollte, um seine „100 Calls per Minute“-Liste abzuarbeiten, saß nun Wilfried und klebte mit hochrotem Kopf an der Scheibe. Als ich die Telefonzelle nur noch dampfen sah, beschloss ich doch lieber einmal nachzusehen, was unser Archivar dort tatsächlich trieb.

Ein völlig verzweifelter Blick traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Verzweifelt genug, um den Praktikanten freiwillig in die Küche stürmen zu sehen und die Kaffeemaschine auf Hochtouren laufen zu lassen. Bevor ich überhaupt Fragen stellen konnte, schoß es lawinenartig aus Wilfried: „Kannst du auf Willy aufpassen? Meine Mutter liegt im Krankenhaus und ich kann sie unmöglich mitnehmen.“ Ach herrje, dachte ich sofort, nun ist nicht nur sein Urlaub futsch, sondern meine Dates mit Netflix auch. „Klar, kein Problem.“ hörte ich mich sagen und streichelte ihm sanft über die Schulter, nur um schon mal zu üben, wie das so funktioniert zwischen mir und einem Fellknäuel.

Katzendoku im Live-Stream

„Ciao Kakao“ rief Wilfried mir mit dem Koffer winkend entgegen, als ich mich von ihm in meiner Wohnung stehend verabschiedete. „Ok, lassen wir die Spiele beginnen.“ sagte ich laut, ließ die Tür ins Schloss fallen und drehte mich um. Und da passierte es: Willy saß vor mir und schaute mich fies an. „Geht ja schon gut los“, war mein erster Gedanke und mein zweiter, kam eher einer Frage gleich, die sich damit beschäftigte, was sie wohl an meinen Schuh so lecker fand. Das muss die verspielte Katze sein, von der im Tierheim die Rede war, tröstete ich mich demütig.

Och nee, als ich meine müden Augen öffne und die Katze schmatzend vor mir stehen sehe, würde ich sie am liebsten wieder schließen und so fest zusammenpressen, bis die Lider kaputt sind und gar nicht mehr aufgehen. Willy glotzt frech mich an und spuckt eine Spinne vor mein Bett. „Danke für die nette Geste“ grummle ich noch im Halbschlaf und drehe mich abrupt von dem schwarzen Monster weg.

Gestern hat Willy einen Käfer gefressen, wo auch immer der her kam und ihn völlig frech auf mein Bett gespuckt. Mit viel Magensaft und Speichel drum und das kurz vorm Schlafen gehen. Generell hat mich diese Katze in den letzten 5 Tagen viele Haare, Nerven und vor allem teure Schuhe gekostet. Während ich ihr das erneut mit gehobenem Zeigefinger vorhalte, schaue ich sie fies an. Doch Willy schafft es noch fieser zu gucken, als kotze sie mir zur Strafe nicht nur ins Bett, sondern pinkle gleich noch dazu. Das jedenfalls wäre auch nichts Neues. In den letzten Tagen habe ich so oft die Bettwäsche gewechselt, wie nicht mal 10 bierbeladene Bauarbeiter urinieren könnten, selbst wenn sie wollten. In meinen Hinterkopf leuchtet die Information „stubenrein“ erneut in roten Lettern auf.

Ein Katzenjammer

Auch in der Badewanne komme ich nicht zur Ruhe, ohne das die Katze energetisch an der Tür kratzt und wie eine batteriebetriebenes Stofftier nach Aufmerksamkeit schreit…äh mauzt. Wo wir schlussendlich beim dritten Adjektiv, der Anhänglichkeit, angelangt wären. Nach 10 Minuten verlasse ich die Badewanne und stelle fest, dass sie verschwunden ist, die Kratzspuren in der Tür aber bis nach Hogwarts reichen. Doch leider hilft mir auch kein Harry Potter, als ich den Scherbenhaufen in der Küche entdecke, es an der Tür klingelt und ich vor Schreck in ein riesigen Glassplitter trete.

Es ist Wilfried, er schaut mich entsetzt an „Alles gut bei dir?“ fragt er. „Geht so.“ antworte ich erschöpft und sinke mit blutenden Füßen zu Boden, während Willy ihm entgegen springt und er sie fröhlich auf die Arme nimmt „Ich glaube, du brauchst mal etwas Veränderung“, sagt er mitleidig „Vielleicht auch Urlaub oder du holst dir eine Katze, das wird dir sicherlich gut tun.“

Als er mit Willy das Haus verläßt und sie mir einen letzten Blick über seine Schulter zuwirft, bin ich sicher, in ihrem fiesen Katzengesicht ein Lächeln zu erkennen und hoffe insgeheim, diesen diabolischen Fellknäuel nie wieder sehen zu müssen.

Kolly Kibber

Oh Liebling
Liebling, die Form zerbrach
Noch in der ersten Nacht
Die Nacht des ersten Lichts
Danach kommt nichts, oder?

Regel No. 1 des Peter Doherty´schen Gesetzes: Es gibt keine Regeln. Und genau das hat er uns gestern bewiesen, als er um 20 Uhr auf der Bühne stand, um ein Video für seinen Song „Kolly Kibber“ aufzuzeichnen und die ersten 50 Fans in der Halle des Huxleys neue Welt überrascht auf ihn trafen. Danach verschwand er klammheimlich, ohne jedwede Szene. Quasi so, als wäre er nie da gewesen.

Doch der Saal füllte sich, das Programm musste weitergehen. Wie es sich eben gehört für Fans, die geduldig vor der Bühne eines Musikers warten, bis der Vorhang geöffnet wird. Er wurde geöffnet und auf die Bühne trat der erste Support und später der zweite, doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern vielmehr um die Leichtigkeit des Seins.

21 Uhr – kein Peter. 21:30 Uhr – immer noch nicht. 22 Uhr – trinkende Menschen an der Bar. Die Geduld übt sich, nur ein guter Mann wie Peter Doherty eben nicht. „Wie soll man bei all den vielen Zeitplänen, die man als Musiker hat, überhaupt noch seinen Geist entfalten? Warum muss man immer ad hoc funktionieren?“ Kommt es mir in den Sinn. In all der Zeit, wo man auf jemanden wartet, fängt man entweder an, eine Kugel aus Wut im Bauch zu formen oder man denkt darüber nach, warum man wartet und was es damit auf sich hat. Leider passiert letzteres viel zu selten, denn Zeit ist in unserer heutigen Gesellschaft zu wertvoll geworden. Also quengelt man rum und sagt fiese Sachen zur nächstbesten Person, um dem Ärger möglichst schnell Luft zu machen.

Aber hier ist es heute anders. Wir warten, haben Spaß mit Bier, Zigaretten und Freunden. Heute ist alles egal. Wenn das Peter Doherty´sche Gesetz gilt, kann auch einfach geraucht werden, egal wo. Plötzlich scheppert es hinter der Bühne. Gläser, die zu Boden fallen? Kurz darauf poltern sie auf die Bühne. Peter Doherty und die Puta Madras. Die große Albion Familie. Sie spielen vieles vom neuen Album „Hamburg Demonstrations“, aber auch viele Songs der Babyshambles und Libertines. Vorallem aber, spielen sie „Kolly Kibber“, denn zu dem Song soll ja schließlich ein neues Video entstehen.

Peter Doherty singt, tanzt und geht in seiner Musik völlig auf. Er spielt mit seiner Stimme und auf der Gitarre, die er nach jedem zweiten Song seinem Roadie zuwirft, um eine neue entgegenzunehmen. Noch viel lieber würde er sie wahrscheinlich ins Publikum werfen, so wie alles was ihm in die Hände kommt und materiell ist. All das ist ihm nichts wert, das einzige was zählt ist der Gedanke, der Kopf. Das Haus, mit den vier Wänden, in denen seine Musik entsteht. Und diese ist ehrlich, authentisch und das, was ihn auszeichnet. Der Rest ist nichts.

„Gentrifizierung, ich fick´ deinen Vater“

Lassen wir ein vergangenes Ehrendenkmal der Graffiti-Szene in unseren Köpfen Revue passieren, erscheint vermutlich ein nicht allzu altes, aber dennoch legendäres Gesamtkunstwerk vor unseren Augen. Genauer gesagt, denken wir an die Cuvry-Brache, die einst von dem Künstler Blu verziert wurde, um der Gentrifizierung an genau jenem Ort den Kampf anzusagen.

Doch trotz aller Protestaktionen, ob in Form von Kunst oder Kritik, findet die Bebauung der großflächigen Brache in der Cuvrystraße nun trotzdem statt. Und dafür müssen die vielen Bewohner des kleinen selbst bebauten Kiezes unfreiwillig weichen. Einige davon haben ihren Wohnort nun in Bauwägen um die Straße herum verlegt oder sitzen aktiv mit Transparent und Flagge vor der Brache und wollen den Investoren damit illuster ins Gesicht spucken.

Ende letzten Jahres schwand das Kunstwerk dann plötzlich und kein Mund stand still. Wir fragten uns, waren es Investoren, die dieser Ära ein Ende setzten? War es Bürgermeister Michael Müller (himself natürlich), dessen Amt gerade bekannt wurde? War es eine neue Crew, die auf Kriegsfuß mit Blu stand? Oder war es sogar Blu himself, warum auch immer?

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Stück für Stück schwand das Mural und letztlich blieb nur ein Protest-Mittelfinger zu sehen. Doch auch dieser wich einige Tage darauf, zurück blieb einzig und allein eine schwarze, triste Wand. Gerüchten zufolge, soll Blu das Bepinseln des Mauerwerks selbst angeordnet haben. In seinem Blog schrieb er dazu später:

„In 2007 and 2008 i painted two walls at Cuvrystraße in Berlin (with the support of Lutz, Artitude and its volunteers). In 2014, after witnessing the changes happening in the surrounding area during the last years,
we felt it was time to erase both walls“

Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen, bis dieses Mural mit neuem Anstrich und (wir wagen mal zu sagen) altem Statement an dem befleckten Investor-Mauerwerk entstanden ist. Wer hier so rege die Dose gezückt hat, wissen wir selbst noch nicht. Aber eines ist sicher: Sofern Blu nicht dahinter steckt, wird er Dutzende von Freudentränen weinen, als auch lachen.

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