Reise nach Jerusalem

Retrospektive

Vor einigen Tagen habe ich es gewagt. Ich habe mich endlich an den für mich prägnantesten Ort der Geschichte begeben. Nicht nur historisch, auch kulturell ist Israel wahnsinnig facettenreich und setzt in der Gesellschaft so kontrastreiche Akzente wie kaum ein anderes Land dieser Welt.

Angefangen hat alles vor 15 Jahren, als ich mich das erste Mal neben dem Rahmenplan der Schule mit Israel beschäftigt habe. Da der Unterricht nicht viel mehr bot als Nationalsozialismus und Holocaust, habe ich begonnen selbst die Ursachen der systematischen Vernichtung zu untersuchen, denn an der Oberfläche einer tief verwurzelten Ethnie zu stochern, genügte mir hier in keinerlei Hinsicht.

Mit dem Gedanken sich mehr und mehr den Menschen hinter dieser grausamen Geschichte zuzuwenden, reifte auch der bloße Gedanke sich darüber mit anderen auszutauschen und so entstand schon bald unsere eigene kleine politische Gruppe, die sich neben dem Abitur mit der Geschichte im Allgemeinen befasste und dafür ein neues Bewusstsein fand – kein Mensch ist illegal.

Man könnte jetzt meinen ja, ja, Antifa, ist genauso radikal, doch zum damaligen Zeitpunkt hatten wir eine ganz andere Auffassung von Antifaschismus, der nichts mit Steine werfen und Pfefferspray auf Demonstrationen zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem Gefühl der Gleichheit einherging. Diese Meinung vertrete ich auch heute noch, hieran hat sich nichts geändert, obschon sich für viele das Motiv dieser Auffassung geändert haben mag.

Geduld lautet die Devise

Eine Reise nach Jerusalem ist ein bisschen wie ein Stuhltanz um die eigene Achse. Du läufst durch das Dickicht am Flughafen und wirst an jeder Ecke ausgebremst. Wenn du im Vorfeld nicht genügend Informationen über Israel eingeholt hast, bist du eigentlich schon aufgeschmissen, bevor du überhaupt deinen liebevoll mit Bordkarte und Kotztüte ausgestatteten Sitzplatz 24B der Airline gesehen hast.

Tja, sagen wir mal so, wir waren vorbereitet und dennoch gab es Probleme. Die aber nicht aufgrund mangelnder Infos über Einreise, Gültigkeit des Reisepasses oder 1 Liter-Kosmetiktütchen aka Gefrierbeutel aufkamen, sondern wegen eines ganz simplen Vorfalls verursacht wurden – der Abholung des Koffers am Gepäckband.

Der Koffer war weg und somit auch unser Relikt, Heiligtum der ganzen Reise, gefüllt mit Champagner, Gin und ach ja, einer Badehose. Wie sollten wir also nun die kommenden sieben Tage größenwahnsinnig überstehen? Richtig, in erster Linie mit einem Bier und einer Zigarette am Flughafen.

Zu unserem Glück fanden wir zehn Bier und zwanzig Zigaretten später endlich zu dem Koffer zurück. Geduld lautet die Devise jedes Berliners, der ein Bürgeramt nach drei Monaten Wartezeit, zwar schon mal von innen, nicht aber jedoch den Schalter geschweige denn das Dokument, für das er den Termin vereinbart hat, gesehen hätte.

Diversität ohne Grenzen

Die Reise konnte also beginnen, in einem Apartment, welches für rund 666 Euro mit einem Aufschlag von 20% eindeutig für einen professionellen Kammerjäger warb. „Herzlichen Glückwunsch“, tönte es aus meinem Mund, „endlich folgt der langersehnte Urlaub, der mich dazu auffordert 24/7 außerhalb meiner Unterkunft zu verbringen und vorzugsweise die noch so schäbigste Toilette jeder Bar zu erkunden, statt jener in den eigenen vier Wänden.“

Draußen sein ist eh schöner als rausgucken. Nicht ohnehin hat man der Stadt Tel Aviv den glorreichen Namen „Frühlingshügel“ verpasst und sie mit Kunst und Kultur in jeder Ecke versehen. Überall findet man bunte LGBTQIA-Bars, hippe Restaurants und einen kilometerweiten Strand, der dem Miami Beach in nichts nachsteht. Aber auch die schönste Aufmachung hat so ihre Schattenseiten, denn in jedem toten Winkel quillt der Dreck hervor.

Vor dem Späti des Vertrauens wird achtlos der Müll vor die Eingangstür gefeuert. Berge aus Kippen stapeln sich vor den Kaffeehäusern auf dem Rothschild Boulevard, welches insbesondere durch den Bauhaus-Stil als die weiße Stadt angesehen wird. Spätestens hier treffen Sein und Schein aufeinander und lassen auch das sogenannte Pinkwashing, welches als mutmaßliche PR-Strategie der israelischen Regierung bekannt ist, nicht mehr außer Acht.

Weltreligion vs. Kapitalismus

Wo die Szenestadt Tel Aviv noch für ein angenehmes Miteinander schnell Antworten findet, ist die Hauptstadt Jerusalem hingegen als Zentrum Dreier Weltregionen, Juden, Christen und Muslimen bekannt und wirft viele Fragen auf, die sich durch das Gesamtbild nur schwer erschließen lassen. Der Tempelberg, der weltweit als heiliger Ort anerkannt wird, sorgt immer wieder für kontroversen Gesprächsstoff.

Zurecht auch, denn wie kann ein friedliches Miteinander an einem Ort stattfinden, wo einst Granaten einschlugen und sich politisches Kalkül seinen Weg ebnete. Im Grunde genommen ist ein modernes Konzept, welches Religionen bündelt natürlich ein progressiver Schritt, dass möchte ich nicht aberkennen, doch die Angst des ewigen Terrors bleibt für Israelis und Palästinenser gleichermaßen bestehen, da sie bis heute zwischen Leben und Tod ihrem Alltag nachgehen.

Weiterhin kam in mir die Frage auf, wie an einem heiligen Ort die Fahne für den Kapitalismus geschwungen werden kann? Der Tempelberg wirkt wie ein Gerüst, in dessen Innerem sich ein Basar von Souvenirs auftut, die kein Mensch der Welt jemals brauchen wird. Die historische Altstadt verließ ich mit wechselhaften Gefühlen, in jedem Fall hat sie dafür gesorgt, dass sie mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wunder der Natur

Nun war es an der Zeit die sieben Sachen zu packen und weiterzuziehen. Das tote Meer an der Grenze zu Jordanien kam nach einem solchen Kulturschock genau richtig. Nach anderthalb Stunden Busfahrt stiegen wir aus, obwohl uns der Busfahrer warnte, dass dies kein Free Beach sei. Was uns egal war, brachte ihn erst recht auf 180, obwohl nur 70 erlaubt waren. Wie sich herausstellte, zahlten wir nichts und badeten stattdessen in der Essenz des 400 m unter dem Meeresspiegel liegenden Salzsees, dem tiefsten Punkt auf trockenem Land.

Wir schwebten in dem kristallklaren Wasser und sonnten uns mit öliger Haut an dem orangefarbenen Strand. Aber auch hier, mitten in der Wüste, bekommt man den Wandel mit. Jährlich sinkt der Wasserspiegel des toten Meeres um einen Meter und der Krater, der sukzessive zum Vorschein kommt, erinnert an eine Mondlandschaft. Nur Neil Armstrong trifft man hier nicht.

In sieben Tagen haben wir höchstens einen Bruchteil von Israel kennenlernen können und trotzdem habe ich noch nie so viel Diversität miterlebt wie hier. Es ist vor allem der Sphagat (populäre Gay-Bar) zwischen Ost und West, zwischen Religion und Liberalismus. Selbst als Berliner kann man den Hut ziehen und sich kulturell beeindrucken lassen.

Schlussendlich gilt meine 15 Jahre alte Ansicht nach wie vor, das haben mir zumindest die Locals, egal ob Jude, Christ oder Muslim bewiesen – kein Mensch ist illegal. Auch wenn die Securities schon mal bis auf die Unterhose durchdringen, man sagt Shalom und macht da weiter, wo man aufgehört hat.

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