Philadelphia

Das Leben geht seinen Gang. Das tut es irgendwie immer, egal wo man sich befindet, wie es einem geht oder welche politischen Ausschreitungen gerade auf der Welt geschehen, es nimmt keine Rücksicht auf irgendwen. Nicht auf dich, deine persönliche Verfassung und erst recht nicht auf den Wandel deines Lebens. Die Zeit bleibt nicht stehen, die Uhr wird sich unentwegt weiterdrehen, selbst wenn du irgendwann nicht mehr mit ihr gehst.

Intro

Ein Bus fährt durch die Straßen, Menschen winken ihm zu, Gärtner befreien Vorgärten vom Herbstlaub, die Feuerwehr macht sich auf den Weg, Ruderer durchqueren den Delaware River, Bootsfahrer legen am Steg an, das Leben geht seinen Gang. Mit diesen Szenen beginnt der Film „Philadelphia“. Ein ganz normaler Alltag eben, das will er uns vermitteln. Und so ist es auch, die stetige Routine, die uns im Nacken hängt und sich nur schwer abschütteln lässt. Sie bringt positive, gleichgültige, jedoch auch negative Erlebnisse mit sich. Doch spricht man noch von Routine, sobald sich Erlebnisse ins Negative umkehren?

In gewisser Hinsicht leider schon, denn meistens betrachten wir unseren Alltag nur äußerlich. Doch was sich innerhalb unseres Körpers fernab von Emotionen abspielt, lässt sich nur selten erahnen. Ein Virus kann sich Tage, Wochen oder gar Monate rasend schnell in unserem Organismus ausdehnen, während wir uns zwar stetig, aber nur in Schrittgeschwindigkeit fortbewegen. Ein Virus kann seine Struktur verändern und unsere Körperfunktionen beheben, während wir zum Friseur gehen und abends mit einen vermeintlichen Fieber im Bett liegen.

Realität

Das Leben kann ein Arschloch sein, ein richtig mieses sogar und so ist es nicht nur im Film, sondern leider noch viel öfter in der Realität der Fall. Ein Freund von mir hat Aids. Er trägt es schon Jahre mit sich, das HI-Virus wird er hoffentlich bald besiegen, doch solange es da ist, muss er mit ihm leben – dem Ding, dass versucht sukzessive seinen Körper zu ruinieren und nicht nur das, es schafft auch eine Psyche zu verbarrikadieren.

Wie geht man im Alltag damit um, wenn sich etwas anbahnt, auf das man nur geringen Einfluss hat? Menschen sagen, man spricht mit jemanden, das hat er getan. Aber retten können sie dich nicht und wie lange ist man gewillt von einer Krankheit mit tödlichem Verlauf zu reden? Nur solange, man die Kraft dazu hat? Vermutlich ja. Daher darf die Diskussion, trotz schlimmster Ausmaße, nie enden. Sie muss fortgesetzt werden, bis sie in den kleinsten Winkel jedes Gehörs gedrungen ist. Doch hat der Mensch die Angewohnheit, seine Sorgen schnell ad acta zu legen und das alte verstaubte Buch nie wieder hervorzuholen.

Outro

Das Virus setzt sich fort, egal was wir von ihm denken. Es hat keinen Verstand, was es jedoch hat – einen immensen Einfluss auf uns. Es manipuliert unseren Verstand und birgt Gefahren, welche einzelne Personen wie eine Doktrin auffassen. Ein System von Ansichten, die dazu aufrufen das Virus zu umgehen, sind in aufklärerischer und medizinischer Hinsicht gut. Aber solche, die dazu aufrufen, den Menschen mit Krankheit auszugrenzen, sind schädlich und krankhafter als das Virus selbst. Daher hoffe ich, obschon nach nahezu 40 Jahren, wird der Verstand der Menschheit eine Krankheit besiegen, mit der man inzwischen bis ans Lebensende glücklich sein kann. Ich glaube fest daran und werde meinen Freund und jeden weiteren, niemals aufgeben.

Vor 25 Jahren, exakt am 21.03.1994, hat Bruce Springsteen den eigens für den Film „Philadelphia“ geschriebenen Song „Streets of Philadelphia“ in den USA veröffentlicht. Der Film, welcher sich thematisch mit der Erkrankung des in den frühen 80ern entdeckten HI-Virus beschäftigt, lief ein Jahr zuvor in den Kinos an und brachte dem Regisseur Jonathan Demme, dem Hauptdarsteller Tom Hanks, dem Songwriter Bruce Springsteen und vielen mehr 20 Awards von ingesamt 22 Nominierungen ein. „Streets of Philadelphia“ wurde unzählige Male gecovert und ist bis heute unantastbar – sollte es die Würde des Menschen nicht auch sein?