Der ungewollte Zuhörer

Mein Kopf schmerzt. Ich schaue mich hilfesuchend im Raum um und sehe einen Wasserspender. In Zeitlupe lege ich den Klamottenberg, der mächtig auf meinen Beinen lastet und dem Kilimandscharo gleichkommt, zur Seite und bereite mich hustend auf den Gang zu dem in zwei Meter Luftlinie liegenden Wasserspender vor. Luftlinie, überlege ich noch während ich mich erhebe, sagt man das überhaupt bei solch einer kurzen und greifbaren Entfernung? Eigentlich kenne ich den Begriff nur von richtigen Strecken wie auf Autobahnen und logischerweise Flügen. Wiederum, wenn die Entfernung doch greifbar ist, macht die Aussage über eine Luftlinie durchaus Sinn. Schließlich ist sie zum Greifen nah. Oder ist dem nicht so? frage ich mich und denke mit dem Wasserbecher in der Hand, bereits wieder auf dem Stuhl sitzend und erfolgreich von meinem Kopfschmerz abgelenkt, darüber nach.

Plötzlich durchfährt ein Klingelton den Raum. Es klingt nach einer Mischung aus japsendem Frosch und gackerndem Huhn. Der Angerufene hebt blitzschnell ab, sodass mir leider versagt bleibt, herauszufinden um welchen zeitgenössischen österreichischen Rapper es sich handelt. Das Gespräch, dass just in dem Moment beginnt ist jedoch nicht weniger interessant und lässt mich innehalten. „Ich sagte dir doch, du brauchst nicht anzurufen.“ beginnt die Begrüßung des mir gegenüber sitzenden Mitte zwanzigjährigen Zugezogenen mit schwarz gefärbten Haaren, schwarzer Hose, schwarzer Sporttasche und weißen Sneakern. Entweder hatte er gerade vor zum Langhantel-Training ins Mc Fit zu gehen oder im nächsten Weekday-Shop seine Schicht anzutreten. „Wir haben uns ja nicht ohnehin getrennt.“ heißt es weiter und holt spätestens jetzt genügend Zuhörer für den Live-Podcast ab.

Die vielen Augen aus dem Raum, die zuvor auf das Smartphone oder in ein ausliegendes Magazin gestarrt haben, sind jetzt ganz gezielt auf die Person in schwarz gerichtet. Es erinnert an das Schauspiel einer Tierdokumentation von National Geographic, bei dir sich in sengender Hitze dutzende Hyänen, um eine von der Herde abgekommene Gazelle versammeln und auf den richtigen Moment warten, bis sie sich auf ihr todgeweihtes Opfer stürzen. In diesem Fall jedoch, handelt es sich nicht um das Opfer, sondern um die Hyäne, die die Gazelle am anderen Ende vom Hörer gerade in Stücke reißt: „Chlamydien ist nun mal die beliebteste Krankheit unter den Geschlechtern. Hättest du das Antibiotikum vernünftig genommen, wäre auch alles gut gegangen, Alina.“ – Die Gazelle hat einen Namen.

In den nächsten 20 Minuten wird heiß darüber hin und her diskutiert, wie die Krankheit entstanden und verlaufen ist und was nun final zu machen ist. Sie scheint sich damit nicht recht wohl zu fühlen. Er hingegen ist ziemlich sicher, dass sich die Welt auch so weiterdreht. Als Außenstehender sitzt man anonym da, hat ungewollt das ganze Gespräch mitverfolgt und möchte dennoch den Meinungsaustausch bilden. Zumindest mir geht es so und auch an den anderen Gesichtern lässt sich unschwer erkennen, dass ein leiser Appell im Raum liegt. Wer wird nun der Erste sein, der sich ans Rednerpult stellt und die Podiumsdiskussion eröffnet?

„Frau Olszewski“, höre ich es rufen und werde kurz wach, um festzustellen, dass ich in der Arztpraxis sitze und nun an der Reihe bin. Als ich das Behandlungszimmer wieder verlasse, ist die Hyäne in schwarz bereits verschwunden. Ob zum Arzt, zu Mc Fit oder Weekday, das weiß ich nicht. Jedoch habe ich jetzt das komplette Krankheitsbild der Chlamydien kennengelernt und kehre mit dieser Erkenntnis hustend und erschöpft in mein Krankenbett zurück. Hoch lebe die Grippe!

 

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Wenn Liebe blind macht

 

Habt ihr euch schon mal überlegt, was das heißt, wenn Liebe blind macht? Ich meine, nichts zu sehen, einen schwarzen Fleck vor dem Auge zu haben, Leere zu spüren, in einem Moment der nach einer Regenbogen-Safari mit den Glücksbärchis ruft. Ein Paradox.

Eigentlich ist es wie ein Bild ohne Inhalt. Ein Mensch, der sein Augenlicht verliert oder ohne dieses geboren wird, lernt oder weiß im Laufe der Zeit damit umzugehen. Ein Mensch jedoch, der seine visuelle Wahrnehmung vergisst oder verdrängt, ist meist unsterblich verliebt.

Flashback

Eine Freundin sitzt neben mir. Juli heißt sie. Sie erzählt mir vom gestrigen Erlebnis mit ihrem Freund. Die beiden sind seit ein paar Monaten in einer Beziehung und bisher lief alles top; dachte ich. „Also dieses Hotel war der absolute Hammer. Wir hatten sogar ein Spa.“, erzählt sie entzückt und ich kann mir in jenem Moment nur zu gut vorstellen, was sie darin getrieben haben. Jeder kann das.

Sie wirft ihr braunes Haar zurück, beißt sich auf die Oberlippe und formt ein keckes Lächeln, dabei entdecke ich, parallel unter ihrem Haaransatz verlaufend, eine Platzwunde. „Was ist passiert?“, frage ich und deute auf ihre Stirn. Beschämt hebt sie die Hand und tastet ihre Verletzung ab: „Ach das. Nichts.“, gibt sie bedrückt von sich. „Erzähl keinen Mist!“ Sie erstarrt eiskalt, senkt den Kopf und erzählt mir die wahre Geschichte von gestern Nacht.

Ben war noch was trinken. Er genehmigte sich ein paar Whisky Soda in der Hotelbar, während Juli sich oben im Zimmer in eine süße Verpackung hüllte und das Badewannenwasser mit den buntesten und schaumigsten Badekugeln der Neuzeit schmückte.

Es klopfte an der Tür und Juli öffnete diese freudig, um ihre Crème de la Crème mit spitzen Lippen zu empfangen. Doch statt eines Kusses, regnete es Schläge auf sie nieder. Am nächsten Morgen wachte sie nackt neben der Badewanne auf.

Ihr Körper wird mit Blutergüssen getadelt und Platzwunden verzieren ihr wunderschönes Antlitz. Doch sie kann sich an nichts erinnern. Ich bin entsetzt und läute sofort die Trennung ein. Dieser Typ ist ein Psychopath, Schläger und Vergewaltiger. Aber Juli sagt nein. Sie wird sich nicht trennen, sie liebt ihn zu sehr.

Liebe?

Ist das wirklich Liebe? Wir verbinden Liebe mit Glück, Freude und Gefühlen. Aber nichts von alldem kann ich in dieser Beziehung finden. Ginge es nach meiner Meinung, wäre dies ein klarer Fall für “Aktenzeichen XY”, bei dem es die Liebe und nicht den Täter zu suchen gilt. Aber nach meiner Meinung geht es hier nicht.

Der Schleier, der sich über unsere Augen legt und unsere Sinne benebelt, ist eine bloße Verarbeitung des Gefühls, welches in uns aufkeimt, wenn wir einen Menschen sehen und uns verlieben. Wir selbst können dieses Geschehen gar nicht beeinflussen.

Wir können nur gnadenlos miterleben, wie uns die Luft weg bleibt, wenn uns diese Person gegenübertritt, wie sich unsere Zunge verknotet, wenn wir Eindruck machen wollen. Unsere Bewegungen sich verändern und wir eigentlich gar nicht mehr der sind, der wir sonst sind. Die Botenstoffe, die dabei vom Körper ausgesendet werden, deuten auf Alarmstufe Rot hin. Unser Kopf ist ein Rauchmelder, der um Hilfe schreit.

Es gibt wissenschaftliche Belege dafür, dass zwei Verliebte der Nervenkitzel einer riskanten Situation noch enger aneinander bindet. Schon ein kleiner Schlag ins Gesicht gaukelt dem Gehirn vor, dass wir uns in Gefahr befinden. Durch das Adrenalin fühlen wir uns aufgewühlt. Wir haben nicht Herzklopfen, weil wir uns verlieben, sondern wir verlieben uns, weil wir Herzklopfen haben. Das Paradebeispiel Nummer eins: Wilder Sex. Ab diesem Moment ist die Liebe blind und unbezwingbar.

Seilspringen ohne Seil

So entsteht eine Beziehung. Juli kann gar nicht anders als Ben zu lieben, ihr Körper ist vollends darauf eingestellt, diesem Idiot alles zu geben und ihm zu verzeihen. Und sei es ein Seitensprung. Oder eben Schläge. Dieses Empfinden ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt und kann in anderen Beziehungen natürlich ganz anders zum Vorschein kommen.

Doch so oder so werden wir uns von unserem Herzschlag weich prügeln lassen. Ich möchte nicht gut heißen oder pauschalisieren, dass Gewalt eine Beziehung am Leben erhält. Aber sie gehört im gesunden Maße dazu. Aber einer blinden Gefahr nachzurennen, die die Liebe mit sich bringt, ist wie Seilspringen ohne Seil. Und besonders dann, wenn die andere Person diese „Blindheit“ sieht und die Liebe auszunutzen weiß.

Hierfür brauchen wir Freunde, die uns die Augen öffnen und uns in das Taxi nach Hause setzen, wenn wir den Weg in Richtung Herz nicht mehr finden. Wenn in Tor 1 nun mal der Zonk sitzt, dann müssen wir uns geschlagen geben. Meist sind unsere Freunde die wahre Beziehung, sie schauen in uns rein, wissen was kaputt ist und machen da weiter, wo wir nicht mehr können.

Juli und ich trinken unseren Tee aus, bezahlen und verabschieden uns. Juli geht nach Hause und packt ihre Sachen. Sie fährt weg. Einfach so. Um einen klaren Kopf zu bekommen und den wird sie kriegen, nur eben nicht mit ihm.

„Die Liebe ist im Gegensatz zur Materie oder Energie zum Überfluss im Universum. Sie ist ein Keim, der aus dem Nichts erwächst. Selbst in den Dunkelsten aller Herzen kann sie nicht ausgerottet werden. Die Liebe ist ein wertvolles Gut, was auch verloren gehen oder gestohlen werden kann. Oder schlimmer, dass sich blutrot auf dem Boden ergießt. Die Liebe ist nicht unveränderlich. Sie kann sich in Hass verwandeln, genauso wie der Tag zur Nacht und aus dem Leben der Tod wird.“

Wilfried & Willy

Wilfried, ein ehemaliger Arbeitskollege, Archivar, 30 Jahre alt und Single, empfindet eine überaus große Zuneigung für Katzen. Daher hat er sich, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, genau solch einen haarigen Vierbeiner für das bedingungslose Zusammenleben angeschafft.

Der Tag im Knast

„Ich werde eine aus dem Knast holen“ hörte ich es plötzlich hinter meinem Stuhl wie eine Staubwolke hervorkriechen und riß meinen Blick vom PC hoch. „Was?“ entglitt es mir perplex, als ich schon ahnte, worum es ging und Wilfried mich darum bat, ihn nach Feierabend ins örtliche Tierheim zu begleiten. Dagegen spricht auch nichts, dachte ich und rätselte noch über die Staubwolke, die quasi den nerdigen, imaginären Freund meines Kollegen in einem Comic darstellen könnte. Es ist definitiv an der Zeit für Veränderung, vor allem für Wilfried, der sonst mit dem Entstauben alter Akten seinem Dasein bis ans Lebensende fristet oder womöglich noch zur Zeichentrickfigur wird.

Der Katzenkäfig, vor dem wir standen, war großzügig ausgestattet. Darunter waren dutzende Spielzeuge in Form von Mäusen, bunte Leckerlis, die sich im Fressnapf türmten und eine Klobox aus Holz, welche mehr Ähnlichkeit mit einer Sauna aufwies, als dass sie einer Einrichtung für die Notdurft gleich kam. Sogar ein Katzensofa war vorhanden. Sofern man das überhaupt so nennen darf, in gut situierten Kreisen würde man wohl eher von dem Thron einer Diva sprechen. Doch stehen wir hier nicht im Wohnzimmer von Kim Kardashian, sondern vor dem Käfig einer Katze namens Willy.

Am Gitter des Käfigs entdeckte ich neben dem scheinbar willkürlichen Tierheim-Namen der Katze, zusätzlich deren Eigenschaften in drei Worten zusammengefasst: anhänglich, verspielt und stubenrein. Drei ziemlich gute Adjektive wie ich fand und so fand auch Wilfried. „Hervorragend“ gluckste er und las weiter: „Die kleine Willy, ist ein verschmuste Dame, die auf der Suche nach einem Herrchen ist, das ihr den Weg weisen kann.“ „Die kleine Willy?“ fiel ich ihm verwirrt ins Wort. „Seit wann heißt ein Mädchen Willy?“ „Hm, keine Ahnung“ entgegnet mein Kollege schulterzuckend und kontert dabei doof: „Seit ihr Herrchen Wilfried heißt?“ Ich konnte nicht mehr, als ihn mit hochgezogenen Augenbrauen zu belächeln und über den schmalen Grad zwischen Fremdscham und Mitleid zu sinnieren.

Urlaub und andere Unmöglichkeiten

Willy war also ein Mädchen und lebte fortan bei Wilfried in einer eheähnlichen Gemeinschaft, deren erste Regel besagte: Sollte Wilfried eines Tages arbeitslos oder arbeitsunfähig werden, sieht sich Katze Willy des Amtes wegen imstande bis zum Übergang oder gar bis ans Lebensende für ihr Herrchen aufzukommen und sei es der letzte Brocken im Napf, welcher in schlechten Zeiten zum Verzehr hinerlassen wird. In guten Zeiten passiert sowas natürlich nicht, denn da gönnt man sich was. Und so war es nach drei Monaten „Tier-Mensch-Beziehung“ soweit, in den wohl verdienten Urlaub zu fahren.

Den letzten Arbeitstag verbrachte Wilfried schweißgebadet am Telefonhörer unseres Callcenters. Dort, wo eigentlich ein Praktikant sitzen sollte, um seine „100 Calls per Minute“-Liste abzuarbeiten, saß nun Wilfried und klebte mit hochrotem Kopf an der Scheibe. Als ich die Telefonzelle nur noch dampfen sah, beschloss ich doch lieber einmal nachzusehen, was unser Archivar dort tatsächlich trieb.

Ein völlig verzweifelter Blick traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Verzweifelt genug, um den Praktikanten freiwillig in die Küche stürmen zu sehen und die Kaffeemaschine auf Hochtouren laufen zu lassen. Bevor ich überhaupt Fragen stellen konnte, schoß es lawinenartig aus Wilfried: „Kannst du auf Willy aufpassen? Meine Mutter liegt im Krankenhaus und ich kann sie unmöglich mitnehmen.“ Ach herrje, dachte ich sofort, nun ist nicht nur sein Urlaub futsch, sondern meine Dates mit Netflix auch. „Klar, kein Problem.“ hörte ich mich sagen und streichelte ihm sanft über die Schulter, nur um schon mal zu üben, wie das so funktioniert zwischen mir und einem Fellknäuel.

Katzendoku im Live-Stream

„Ciao Kakao“ rief Wilfried mir mit dem Koffer winkend entgegen, als ich mich von ihm in meiner Wohnung stehend verabschiedete. „Ok, lassen wir die Spiele beginnen.“ sagte ich laut, ließ die Tür ins Schloss fallen und drehte mich um. Und da passierte es: Willy saß vor mir und schaute mich fies an. „Geht ja schon gut los“, war mein erster Gedanke und mein zweiter, kam eher einer Frage gleich, die sich damit beschäftigte, was sie wohl an meinen Schuh so lecker fand. Das muss die verspielte Katze sein, von der im Tierheim die Rede war, tröstete ich mich demütig.

Och nee, als ich meine müden Augen öffne und die Katze schmatzend vor mir stehen sehe, würde ich sie am liebsten wieder schließen und so fest zusammenpressen, bis die Lider kaputt sind und gar nicht mehr aufgehen. Willy glotzt frech mich an und spuckt eine Spinne vor mein Bett. „Danke für die nette Geste“ grummle ich noch im Halbschlaf und drehe mich abrupt von dem schwarzen Monster weg.

Gestern hat Willy einen Käfer gefressen, wo auch immer der her kam und ihn völlig frech auf mein Bett gespuckt. Mit viel Magensaft und Speichel drum und das kurz vorm Schlafen gehen. Generell hat mich diese Katze in den letzten 5 Tagen viele Haare, Nerven und vor allem teure Schuhe gekostet. Während ich ihr das erneut mit gehobenem Zeigefinger vorhalte, schaue ich sie fies an. Doch Willy schafft es noch fieser zu gucken, als kotze sie mir zur Strafe nicht nur ins Bett, sondern pinkle gleich noch dazu. Das jedenfalls wäre auch nichts Neues. In den letzten Tagen habe ich so oft die Bettwäsche gewechselt, wie nicht mal 10 bierbeladene Bauarbeiter urinieren könnten, selbst wenn sie wollten. In meinen Hinterkopf leuchtet die Information „stubenrein“ erneut in roten Lettern auf.

Ein Katzenjammer

Auch in der Badewanne komme ich nicht zur Ruhe, ohne das die Katze energetisch an der Tür kratzt und wie eine batteriebetriebenes Stofftier nach Aufmerksamkeit schreit…äh mauzt. Wo wir schlussendlich beim dritten Adjektiv, der Anhänglichkeit, angelangt wären. Nach 10 Minuten verlasse ich die Badewanne und stelle fest, dass sie verschwunden ist, die Kratzspuren in der Tür aber bis nach Hogwarts reichen. Doch leider hilft mir auch kein Harry Potter, als ich den Scherbenhaufen in der Küche entdecke, es an der Tür klingelt und ich vor Schreck in ein riesigen Glassplitter trete.

Es ist Wilfried, er schaut mich entsetzt an „Alles gut bei dir?“ fragt er. „Geht so.“ antworte ich erschöpft und sinke mit blutenden Füßen zu Boden, während Willy ihm entgegen springt und er sie fröhlich auf die Arme nimmt „Ich glaube, du brauchst mal etwas Veränderung“, sagt er mitleidig „Vielleicht auch Urlaub oder du holst dir eine Katze, das wird dir sicherlich gut tun.“

Als er mit Willy das Haus verläßt und sie mir einen letzten Blick über seine Schulter zuwirft, bin ich sicher, in ihrem fiesen Katzengesicht ein Lächeln zu erkennen und hoffe insgeheim, diesen diabolischen Fellknäuel nie wieder sehen zu müssen.

Kolly Kibber

Oh Liebling
Liebling, die Form zerbrach
Noch in der ersten Nacht
Die Nacht des ersten Lichts
Danach kommt nichts, oder?

Regel No. 1 des Peter Doherty´schen Gesetzes: Es gibt keine Regeln. Und genau das hat er uns gestern bewiesen, als er um 20 Uhr auf der Bühne stand, um ein Video für seinen Song „Kolly Kibber“ aufzuzeichnen und die ersten 50 Fans in der Halle des Huxleys neue Welt überrascht auf ihn trafen. Danach verschwand er klammheimlich, ohne jedwede Szene. Quasi so, als wäre er nie da gewesen.

Doch der Saal füllte sich, das Programm musste weitergehen. Wie es sich eben gehört für Fans, die geduldig vor der Bühne eines Musikers warten, bis der Vorhang geöffnet wird. Er wurde geöffnet und auf die Bühne trat der erste Support und später der zweite, doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern vielmehr um die Leichtigkeit des Seins.

21 Uhr – kein Peter. 21:30 Uhr – immer noch nicht. 22 Uhr – trinkende Menschen an der Bar. Die Geduld übt sich, nur ein guter Mann wie Peter Doherty eben nicht. „Wie soll man bei all den vielen Zeitplänen, die man als Musiker hat, überhaupt noch seinen Geist entfalten? Warum muss man immer ad hoc funktionieren?“ Kommt es mir in den Sinn. In all der Zeit, wo man auf jemanden wartet, fängt man entweder an, eine Kugel aus Wut im Bauch zu formen oder man denkt darüber nach, warum man wartet und was es damit auf sich hat. Leider passiert letzteres viel zu selten, denn Zeit ist in unserer heutigen Gesellschaft zu wertvoll geworden. Also quengelt man rum und sagt fiese Sachen zur nächstbesten Person, um dem Ärger möglichst schnell Luft zu machen.

Aber hier ist es heute anders. Wir warten, haben Spaß mit Bier, Zigaretten und Freunden. Heute ist alles egal. Wenn das Peter Doherty´sche Gesetz gilt, kann auch einfach geraucht werden, egal wo. Plötzlich scheppert es hinter der Bühne. Gläser, die zu Boden fallen? Kurz darauf poltern sie auf die Bühne. Peter Doherty und die Puta Madras. Die große Albion Familie. Sie spielen vieles vom neuen Album „Hamburg Demonstrations“, aber auch viele Songs der Babyshambles und Libertines. Vorallem aber, spielen sie „Kolly Kibber“, denn zu dem Song soll ja schließlich ein neues Video entstehen.

Peter Doherty singt, tanzt und geht in seiner Musik völlig auf. Er spielt mit seiner Stimme und auf der Gitarre, die er nach jedem zweiten Song seinem Roadie zuwirft, um eine neue entgegenzunehmen. Noch viel lieber würde er sie wahrscheinlich ins Publikum werfen, so wie alles was ihm in die Hände kommt und materiell ist. All das ist ihm nichts wert, das einzige was zählt ist der Gedanke, der Kopf. Das Haus, mit den vier Wänden, in denen seine Musik entsteht. Und diese ist ehrlich, authentisch und das, was ihn auszeichnet. Der Rest ist nichts.

Peter Doherty: Urlaub vom Leben

Der Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ des österreichischen Schriftstellers Robert Musil, gilt als einer der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts. Darin beschließt der Protagonist Ulrich, Urlaub von seinem Leben zu nehmen. Denn sein Versuch Karriere zu machen, ist ihm bereits zum dritten Mal nicht gelungen. Warum ich dieses Werk anführe? Weil Pete Doherty exakt das gleiche Leben führt. Der einzige minimale Unterschied, der ihm vermutlich selbst noch nicht aufgefallen ist, besteht jedoch darin, dass er bereits Karierre gemacht hat. Und das genau drei Mal. Doch darum geht es eigentlich nicht, sondern vielmehr geht es um den Urlaub vom Leben…

Superstar Pete

Alles auf Anfang. Begonnen hat es einst mit The Libertines, als Peter von seinem Buddy Carl noch Pete genannt wurde. 1996 entfachte sich ihre „Liebe“, die von Musik, über Parties, bis hin zum Drogenkonsum reichte. Als ihr Kracher-Debütalbum „Up The Bracket“ erschien, war die erste Karriere eigentlich auch schon wieder zu Ende. Doch in dieser kurzen Zeit, war Peter ein leuchtender Stern am Himmel, der sein Umfeld komplett aufsaugte.

Die zweite Karriere gelang ihm in seiner Beziehung mit Kate Moss. Sie – Heroin Chic auf ganzer Linie. Er – gezeichnet vom gnadenlosen British Lifestyle. Zusammen – das Traumpaar schlechthin. Doch die Welt stand kurz still, als die Trennung folgte. Das Pärchen lebte seinen Rausch aus, solange es ging. Egal wer ihnen zusah, sie spielten die Hauptrollen in ihrem eigenen Film. Aprospros wann wird dieser eigentlich gedreht?

Wie nun wohl der dritte Punkt der Karriereleiter des Musikers lauten mag? Seht her! Es wird kaum auffallen: Es ist einzig der Name, der ihn nun zum Neustart verhelfen soll. Wahnsinn, PeteR Doherty ist erwachsen geworden. Zwar trägt er lieber Hawaii-Hemd, statt Sacco… aber das kann man ihm aufgrund des Aufenthalts in der Rehab-Klinik in Thailand kaum übel nehmen.

Achterbahn fahren

Abgesehen von sukzessiven Eskapaden, die mit einem Einbruch bei Carl Barat, seinem Leben im Wohnwagen, der Verfassung seines Testaments und der Anklage wegen Drogenkonsums auf offener Straße zu verzeichnen sind, ist es ihm dennoch gelungen, galant den Drahtseilakt zwischen Leben und Tod zu balancieren und letzterem, dem Club 27, dabei sogar noch zu entgehen.

Pete, wann kommen endlich deine Memoiren? Wenn das kein außerordentliches Lebenswerk ist, weiß ich auch nicht weiter. Die Achterbahnfahrt durch die Hölle hat er überlebt, also was kann noch passieren? Musikalisch hat er sich längst etabliert, indem er den größten Einfluss auf die 00er Jahre übte. Und jetzt kommt mir nicht mit Vergleichen zu Oasis! Hoffen wir aber vorest einmal, dass er auf seiner Show am 25.02. im Huxleys Neue Welt tatsächlich anwesend sein wird. Vielleicht sogar clean. Urlaub vom Leben mit Karriere als Ziel. Das klingt nach einem Plan.

Bildungsreise in Venedig

 

Der Detoxurlaub kann beginnen

Kaum hebt der Flieger ab, schießen unsere Finger in die Höhe. Ein netter Steward steht in unmittelbarer Nähe, nimmt uns wahr, scheint jedoch in ein Gespräch mit dem Pechvogel am Notausgang verwickelt zu sein. Sichtlich angestrengt schaut er rüber, woraufhin ich meinem Wink noch etwas mehr Ausdruck verleihe und die Queen mit rotierendem Handgelenk raushängen lassen. Quasi das internationale Zeichen für „God Save The Queen“, weiß doch jeder! Dennoch löst er sich nicht von dem Passagier auf dem Sitz 15A, der inzwischen schon rote Ohren bekommen hat, sondern winkt stattdessen seine kurz vor der Rente stehende Kollegin zu uns herüber. Jetzt also erst recht ein Drink, denke ich mir und warte bis eine in die Jahre gekommene Peggy Bundy im orangefarbenen Kostüm von Easy Jet vor uns steht. Mit einem großen Seufzer bestelle ich Champagner. Entsetzt schaut der Krähenfuß auf die Uhr und sagt, morgens um 8 Uhr sei dieser wohl noch nicht gekühlt an Bord. Eiswürfel?! Lautet meine initiative Frage, die einer Antwort gleich kommt und sie sofort in Bewegung versetzt. First Drink, der Detoxurlaub kann beginnen. Check.

„Mensch, ärgere dich nicht“

Nachdem der Flughafen (namens Marco Polo – für den Lerneffekt) hinter uns liegt und wir mit dem Wassertaxi ins Ghetto schippern, krame ich die Wegbeschreibung zum Apartment und die To Do Liste des Urlaubs hervor. Madonna del Orto heißt unsere Anlegestelle, im Viertel von Canna Regio, welches unweit der Synagoge im Ghetto von Venedig liegt. Schließlich haben wir Bildungsurlaub beantragt, welcher von einem weingeschwängerten Sightseeing begleitet werden soll. Da spricht die Erfahrung aus mir. Somit liegt also ein kurzer Weg von 15 Minuten hinter uns und 3 Aufgaben, die wir uns auf unserer Reise zu erfüllen haben vor uns. Dazu gehört: Das Kaufen einer venezianischen Maske, die einen Tag lang tanzend durch die Stadt getragen werden soll, das Chartern eines Bootes und das Stechen eines Tattoos im Anschluss. Das war natürlich nicht meine Idee, sondern die meiner Begleitung, sonst kann ich ja auch gleich versuchen „Mensch, ärgere dich nicht“ allein zu spielen. Wem das schon gelungen ist, kann mich gern eines besseren belehren. Ich möchte schließlich nichts pauschalisieren.

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Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich Berliner Luft

„Never Change A Winning Team“ lautet mein Gedanke abends im Hof des Apartments, während ich unseren Plan im Kopf durchspiele. Wir haben nämlich schon viele Challenges auf uns genommen. So viele, dass wir uns irgendwann nicht mehr bei normalen Namen, sondern nur noch Kati Inkontinenzia und Matti Mc Lovin genannt haben. Aus Gründen. Doch nun suchen wir neue Herausforderungen und beginnen an Tag 1 mit Challenge No. 1, logisch. Morgens um 7 Uhr tritt mich das Ungetüm Matti, nachdem wir erst um 3 Uhr morgens (also ein paar Stunden zuvor) nach erfolgreicher Weinprobe in der Nachbarschaft in unserer Zimmer gekarrt worden sind, erneut aus dem Bett. Schlaraffenland sieht anders aus, doch was soll´s: Kopf hoch, Beine raus und Dusche an. Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich Berliner Luft. Nach längerem Nachdenken über die Assoziation mit der Berliner Luft, die mir tatsächlich etwas ins Gesicht geschrieben steht, wird mir bewusst, dass wir den deutschen Duty Free nicht ganz ohne Mitbringsel verlassen haben. Die Flasche ist halb leer (bin ich jetzt Alkoholiker wenn ich halb leer sage?) und mir blitzen Sequenzen von letzter Nacht vor Augen auf, als Matti Berliner Luft statt Zahnpasta vorm zu Bett gehen nutze.

Von Masken und Gondeln

Mit einer halben Olive im Magen und Google Street View in der Hosentasche verlassen wir gewappnet das Haus und begeben uns in die Stadt. Immer den Kanal entlang, lautet unsere Devise und schon bald befinden wir uns in einem lokalen Maskenladen, der traditioneller nicht sein könnte. Wir zögern nicht lange und stehen 5 Minuten später mit einer Katzen- und einer Pantalone-Maske geschmückt wieder in der Gasse und fragen den nächsten Italiener oder zumindest italienisch aussehenden Menschen nach einer „Gondel-Station“. In 10 Minuten legt die nächste ab, doch 10 Minuten sind es dorthin, erklärt er uns langatmig und wir rennen schon los, während er noch Worte wie „Seid vorsichtig“ hinter uns her brüllt. Später finden wir heraus, dass Touristen zwar angesehen und gern durch den Kanal bei einer Spende von 100 Euro begleitet werden, doch wir mit den Masken die Gondel nicht betreten dürfen. Also lässt uns der werte Herr im Matrosen-Outfit zurück und fährt grinsend mit einer Vorzeige-Familie davon. Dumm gelaufen. Die nächste Frage lautet also konsequenterweise: Wo ist die nächste Bar?

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Nachts sind alle Katzen grau

5 Gläser Wein und 3 Aperol Spritz später, stehen wir vorm nächsten Boot. Wer braucht schon Gondeln im chinesischen 0815-Stil, wenn er ein Motorboot á la Venice Beach haben kann. Wir! Inzwischen ist es dunkel geworden und nicht umsonst sind nachts alle Katzen grau. Also machen wir uns auf den Weg zu den umliegenden Booten vor unserer Haustür und gabeln dort volltrunken die Italiener auf. In beiderseitigem Einvernehmen mit Alkohol, scheint das jedenfalls kein Problem mehr zu sein. Da funktioniert sogar ein offensichtlich hilfloses, aber dennoch amüsantes Gespräch mit Worten wie Bibedibabedibu und passenden Gesten. Plötzlich haben wir das Boot unter unseren Füßen und die Nachbarschaft im Rücken. Wir sind blau und haben keinen Cent mehr. Doch Giovanni lässt sich nicht lumpen und will dann wenigstens noch einen Wein mit uns trinken. Ok, das kriegen wir hin. Gerade so.

Rechts eine Schere, links ein Weinglas

Am nächsten Morgen erwachen wir gelähmt im Apartment. Zwar auf den Stühlen versackt in unserem Hof, aber immerhin lebend. Auf dem Tisch entdecken wir etliche Notizen mit italienischen Grußformeln und vielen Nummern. Wir hatten wohl einen guten Lauf, besonders Mc Lovin klopft sich wohl verdient auf die Schulter. Doch nach mehrmaligem Studieren wird uns bewusst, es sind gar keine Nummern von gestrigen Bekanntschaften, sondern die von Tatöwierläden, die sich für unseren Besuch bedanken. Panikartig rennen wir ins Badezimmer und untersuchen uns gegenseitig auf schwarze Tinte. Und da ist es plötzlich, auf Mattis Handflächen. Rechts eine Schere, links ein Weinglas. Es ist passiert. Plötzlich klingelt es und herein kommen zwei Trinkfreunde der letzten Nacht. Ein Pärchen, welches vor Lachen schon fast im Türrahmen kollabiert. Sie ziehen zwei Schablonen von Abziehbildern hervor, worauf einst die Tattoos klebten. Erleichert fällt Matti im Stuhl zurück und gießt uns Wein ins Glas und fängt ebenfalls an zu lachen und spricht endlich die Erkenntnis des gesamten Urlaubs aus: Das A in Venedig steht für Alkohol. Soviel ist klar und unsere To Do List haben wir ja irgendwie auch erfüllt. Oder nicht?

 

Beyoncé: Sprengt das Internet, auch ohne Hintern!

Sie hat es wieder getan. Wie fast nicht anders zu erwarten, hat Beyoncé Samstagnacht ihr Album gedroppt und das hat im Netz eingeschlagen wie eine Bombe. Wofür Kim Kardashian ihren Hintern präsentiert, braucht Queen B nur kurz ihren Hinterkopf in die Kamera zu halten.

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