Die neue Frisur

Die Unerträglichkeit des Seins.

Es war der erste Morgen, an dem ich mich seit der Trennung aus dem Haus wagte. Die Trennung war schon einige Tage her. Doch ehrlich gesagt, wusste ich nicht mehr wie viele es genau waren. Ich wusste nur noch, dass es sich anfühlte wie ein ganzes Jahr voller Schmerz, Leid und Trauer. Wir waren fünf Jahre zusammen, sind durch dick und dünn gegangen, über Sonnenblumenfelder gerannt und haben nahezu jeden Tag miteinander verbracht. Das klingt total kitschig und nervig für jeden Single, ich weiß. Aber er war nicht nur mein Freund, sondern eben auch ein Freund. Dennis war mein Seelenpartner, bis der große Show Down kam und er Schluss machte. Ich habe eigentlich immer noch nicht verstanden warum, obwohl er es mir hundert Mal gesagt hat: „Laura, ich liebe dich nicht mehr.“

Seitdem war Funkstille zwischen uns eingekehrt und ich wälzte mich im Bett von rechts nach links. Einkaufen war für mich unmöglich geworden, dazu musste ich ja raus – aber wozu braucht man Lebensmittel, wenn man eh nichts isst? Der Postbote klingelte dennoch täglich an meiner Haustür. Wir kannten uns schon gut und er wusste, dass zwei Personen bei uns wohnen und er aufgrund meiner Nettigkeit ein Zwischenlager für die Nachbarn aufmachen konnte. Doch auch ihn ignorierte ich. So wie Dennis mich gekonnt ignorierte, nachdem er mir seine „nicht vorhandenen Gefühle“ mitgeteilt und unsere Wohnung verlassen hatte. Ich saß einsam am Fenster und blickte wie eine Katze durch die beschlagenen Scheiben, in der Hoffnung, dass er doch noch irgendwann zurückkehren würde. Doch das tat er nicht.

Ich bin gut darin in Selbstmitleid zu verfallen. Meine Freunde nennen mich zwar empathisch, aber auch emotional gefährlich. Dabei frage ich mich immer, auf welchem Adjektiv der Fokus liegen soll: Empathisch, emotional oder gefährlich. Ich hoffe es sind sowohl Empathie als auch Emotionen, die im Mittelpunkt meines Verhaltens gegenüber anderen stehen. Zum Glück reihen sie sich vor der verrückten Annahme ein, dass ich gefährlich sei. Oder was ist hier mit Gefahr gemeint? Manchmal frage ich mich auch, ob ich den richtigen Freundeskreis gewählt habe oder ob diese Menschen eine Schnapsidee nach einer durchzechten Nacht waren.

Der Weg nach draußen.

Ähnlich geht es mir mit meinem Ex-Freund, war er vielleicht nur das Ergebnis von sechs Gin Tonic und zehn Sambuca? Schon allein der Gedanke an ihn, lässt mir die Tränen in die Augen schießen. Wuttränen sind das, keine emotionalen Tränen – denn aus den emotionalen Tränen, sind jetzt gefährliche Tränen geworden. Meine Augen sind knallrot und angeschwollen wie ein Penis kurz vorm Samenerguss. Genau diesen Erguss möchte ich jetzt spüren, um mich von blöden Gedanken zu lösen, um mich richtig geil zu fühlen und um mich von meinem Elend zu befreien. Und dann kam mir die Idee, womit mir dieser Samenerguss am Besten gelingen würde. Ich griff zum Handy, verschickte eine WhatsApp-Nachricht und vereinbarte einen Friseurtermin. „Keine Sorge, der Sekt steht kalt.“ schrieb mein Friseur. Egal, was heute noch passieren würde, der Tag war für mich gerettet.

Ich verließ völlig aufgetakelt das Haus als würde ich zur Partymeile auf die Reeperbahn fahren. Meinen Leoparden-Mantel habe ich ewig nicht mehr ausgeführt. Ich zog ihn über ein schwarzes Minikleid, dass ich mit Dennis in Rom gekauft habe. Die viel zu hohen Pumps, trug ich bisher nur auf diversen Hochzeiten und ein Kilo Schminke hatte ich zuletzt in der Pubertät im Gesicht. Dazu noch ein floral duftendes Parfüm, ganz viel Haarspray sowie pinken Lippenstift. Ich weiß nicht, warum ich das tat – aber es fühlte sich gut an und so konnte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit in der S-Bahn auf mich lenken. Die Blicke von Kindern, Frauen und vor allem Männern klebten an mir wie oller Kaugummi. Ich wünschte Dennis hätte es gesehen.

Das neue Leben.

Als ich den Salon betrat, empfing mich mein Friseur skeptisch: „Laura, bist du es?“ Ich nickte, ohne zu wissen, wer ich war und brach erneut in Tränen aus. Ich wurde zu meinem Platz geführt und bekam einen Sekt auf Eis vor die Nase gestellt. „Trink, du kleines Regengesicht.“ forderte er von mir und ich nahm einen großen Zug auf Ex – im wahrsten Sinne des Wortes dachte ich noch während sich mein Gesicht im Spiegel als das Lebenswerk des Malers Jackson Pollock herausstellte. Das zerlaufene Make Up ergab eine bunte Formation aus abstrakten Linien. Ich war Kunst des Expressionismus. In dem Moment erwachte ich und wischte mir panisch die Schminke und Tränen mit meinem letzten benutzten Taschentuch aus dem Gesicht.

Zwei Stunden später war ein neuer Mensch geboren. Ich wurde von meinem Friseur sanft in Watte gepackt und befand mich während der Behandlung von Waschen, Schneiden, Föhnen durchweg auf Wolke Sieben. Trotz Liebeskummer auf Wolke Sieben zu schweben, ist wie der Ausflug auf eine einsame Insel mit Channing Tatum. Obwohl mein Leben ein paar Stunden zuvor noch dem Inhalt einer Kloschüssel ähnelte, wurde ich erleuchtet. Ich schaute in den Spiegel und neben mir stand Buddha. Ich war kaum wieder zu erkennen. Dort, wo sich meine Haare zuvor wie Enzyme spalteten und sich die Struktur eines künstlichen Rollrasens befand, sah ich plötzlich das geschmeidige Fell eines Leoparden. Es war nun an der Zeit, den verstaubten Leo-Mantel loszuwerden und mit neuer Frisur in ein neues Leben zu starten.

Am nächsten Tag erwachte ich glücklich und zufrieden, schaute in den Spiegel und sah immer noch die eisblauen Augen und das glänzende Fell eines Leoparden. Ich kam gerade aus der Dusche, als es klingelte. Ich schnappte mir ein Handtuch, schwang es um meinen nassen Körper und dachte eine Viertelsekunde lang an Dennis. Doch als ich öffnete, war es wie üblich der Postbote. Sein Paket fiel zu Boden und er starrte mich lächelnd an: „Laura, bist du es?“ Plötzlich sah ich keinen Postboten mehr, sondern Channing Tatum vor mir. Ich wusste nun, was ich zu tun hatte.

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