Treuepunkte vom Zahnarzt

Es ist mal wieder soweit, mein alljährlicher Termin beim Zahnarzt steht an. Mittlerweile verbinde ich diesen Termin mit einer Art Exorzismus, bei dem immer wieder aufs Neue versucht wird, mir den Teufel auszutreiben. Der Teufel ist die Wurzel allen Übels, die tief versteckt im Zahnfleisch auf den Moment ihrer Bühnenshow lauert, welche musikalisch von Zahninstrumenten und visuell von der grellen Neonröhre an der Decke begleitet wird.

Die Show wird kein gutes Ende nehmen, denke ich noch während ich zu Hause wie eine Irre meine Zähne putze, als hätte man mir drei Liter Benzin verabreicht, um mich brennen zu sehen. Und genauso renne ich auch durch die Wohnung, nur dass das Terpentin eigentlich Adrenalin heißt und ich mal wieder nicht weiß, in welche Ritze mein Fucking Bonusheft gerutscht ist.

Hier versuche ich meist meditativ zu dem Ursprung der Situation zurückzukehren. Dabei blicke ich enthusiastisch auf die vergangene Behandlung und noch enthusiastischer auf die Treuepunkte aus den letzten sechs Jahren, die mir meine Zahnzukunft sichern sollen und untersuche alle Regale und Schubladen, um herauszufinden wo ich den Bonus nach dem letzten Zahnarztbesuch ordnungsgemäß verstaut haben könnte. Nur leider sind Bonushefte keine Trophäe, sie sind der Abgrund der Hölle, wo der Teufel geduldig auf die nächste Wurzelbehandlung wartet und dir deine Goldkronen brutal aus dem Kiefer zerrt.

Wer weiß, wo sein Bonusheft liegt, kümmert sich für die Chefetage um den reibungslosen Ablauf der Mittagspause bei Currywurst Konopke, sodass die Wurst noch frisch aus dem Darm geschissen kommt und der Curryketchup neben ihr sofort seinen Geschmack entfaltet ohne je ein Gewürz gesehen zu haben. Wer weiß, wo sein Bonusheft liegt, der ist so tief gekrochen, dass sein Rückgrat von der deutschen Bürokratie verspeist wurde ohne zu schlucken. Wer weiß, wo sein Bonusheft liegt, den kann auch der 10% Zuschuss für den Zahnersatz nicht mehr retten, denn Zähne zum Reden brauchte dieser Mensch schließlich nie.

Eine Stunde später liege ich auf dem Behandlungsstuhl und schaue in die Augen des Grauens, die so etwas wie Bonushefte noch nie gesehen haben und vergesse den Gedanken daran so schnell, als wäre er mir niemals aufgekommen. Im nächsten Moment, taucht alles um mich herum in Nebel und ich betrete ein Paralleluniversum. Der Raum, in welchem ich mich nun befinde, ist bis auf eine dunkle Gestalt, kalkweiß und grell. Langsam dreht sich die Gestalt zu mir um und öffnet ihren Schlund, um ihre funkelnden Goldzähne zu präsentieren und mir mit verzerrter Stimme mitzuteilen: „Bonusheft, bitte“. Ich antworte darauf mit einem Zähneknirschen. Die Suche nach dem Bonusheft ist ein Pakt mit dem Teufel und wird mich irgendwann mein Gebiss kosten. Doch zum Glück, kann ich mich alternativ ja noch schriftlich ausdrücken und auf die Treuepunkte bei REWE zurückblicken.

 

 

Ich und das Meer

Ich blicke auf den Ozean.

Er endet am Horizont und erfüllt mit seiner blauen Herrlichkeit die komplette Waagerechte meines Sichtfeldes. Glänzend und taktvoll schwingen sich die Wellen an das Ufer, als vollführten sie einen glamourösen Tanz. Dennoch wirkt diese Gegebenheit wie eine Abgrenzung zwischen zwei Welten. Zum einen ist dort die Meerestiefe, welche unantastbar und doch zum Greifen nah, aber schlichtweg verborgen ist, als würde sie sich vor fremden Blicken schützen wollen. Zum anderen gibt es die Meeresoberfläche, auf der Boote, Surfbretter und andere Gegenstände toben und sich von Wellen und Wind lenken lassen. Die Wellen bilden sich nur langsam, aber in enormer Größe und bahnen sich ihren Weg über den blauen Teppich. Sie bilden eine Mauer und brechen, sobald sie ihren eigenen Zenit erreicht haben.

Ein guter Tag für Surfer oder solche, die es noch werden wollen.

Wobei die Anfänger sich lieber in Acht nehmen sollten, vor diesem massiven Wasserfall. Er scheint so riesig, als würde er eine Warnstufe wie bei einem Erdbeben andeuten. 6 Meter Höhe wären vermutlich gleichzusetzen mit Stufe 6 und diese würde bedeuten – absolute Zerstörung im Umkreis des Wellenganges. 5 Meter Höhe – Betreten des Wassers auf eigene Gefahr. 4 Meter Höhe – Vorsicht geboten und nur durch Aufsicht. So ähnlich würde ich es zumindest einschätzen, aber das kann ich natürlich nicht, da ich ja überhaupt kein Surfer oder Seemann bin. Obschon ich in meinem Kopf Warnstufen aufstelle, scheint es die Jene nicht im Mindesten zu interessieren wie hoch oder gefährlich die Welle ist. Ganz im Gegenteil – je höher die Welle, desto größer der Kick.

Das erinnert mich daran, dass ich bei Gefahren oder waghalsigen Aktionen, die mich an die eigenen Grenzen bringen, diese auch lieber gar nicht erst überschreiten, geschweige denn betreten sollte. Ich habe das schon hinter mir, so wie jeder von uns. Vor ein paar Jahren nämlich, als ich mit Freunden von einer circa 7 Meter hohen Klippe gesprungen bin, da habe ich mir einen Rippenfellprellung zugezogen. Aber wer weiß schon, ob das überhaupt 7 Meter waren, schließlich hatte ja keiner von uns einen Zollstock dabei und meist schätzt man die Höhe wohl doch erheblicher ein, als sie tatsächlich ist. Passiert das eigentlich um sich zu schützen oder zu protzen? Vermutlich letzteres, da der Mensch gern dazu neigt zu übertreiben und es verrückter darzustellen als es war. So wie ich gerade, nur das die Geschichte wirklich stimmt und ich aber auch leider gar nichts daran toll fand.

In solchen Momenten wird mir immer ganz schwindelig.

Es kribbelt in den Füßen und mein Herz schlägt so schnell wie das eines Kolibris bei einem Frühlingsflirt im Amazonas. Der Adrenalinspiegel steigt und Vorfreude ist plötzlich mit Angst verbunden. Die Synapsen des Gehirns senden Botschaften an den Körper aus, der innerlich schreit und führen dazu, dass man die Angst mit einer übereilten Entscheidung ausweicht. Und so springt man und spürt die auf einen zueilende Gefahr erst während des Fluges, wo man wiederum feststellt, dass nun alles zu spät ist und man die Herausforderung zwar gewonnen, aber den Mut für etwas Neues bereits verloren hat.

Ich beobachte die Wellen, die Boote und die Surfer. Alles wirkt so perfekt, als hätte keiner dieser Komponenten einen Fehler und als wäre es der friedlichste Ort auf Erden, weil man das böse nicht kommen sieht. Ich habe den Eindruck, ich könnte die Dinge, die vor meinen Augen geschehen lenken, obwohl sie nichts mit meiner eigenen Wirklichkeit zu tun haben und ich keinerlei Einfluss auf sie habe. Und so bewegt sich das Meer in seiner Gewohnheit vor meinen Augen – es lebt, ist tief und weit. In ihm eine stetige Unruhe, getrieben von den Erlebnissen wie denen am Strand und auf ihm. Ich sitze auf einer blauen Liege und lasse mich selbstsicher nach hinten fallen. Es fühlt sich genauso herrlich an wie der Blick auf den Ozean und ich falle, ohne die Gefahr zu spüren.

 

Sport ist Mord

Der Winter ist da.

Kaum wirfst du einen Blick aus dem Fenster, sind schon die ersten Eisblumen an der Scheibe und der Schnee nicht mehr weit entfernt. Es ist kalt, so kalt, dass du das Haus nicht mehr verlassen willst – egal, ob es Freitag, Samstag oder irgendein anderer Vizefreitag der Woche ist. Stattdessen kochst du dir einen Ingwer-Lavendel-Magenkrampf-Tee und legst dich mit einer kochend heißen Wärmflasche ins Bett, um alle kürzlich veröffentlichten Serien, Spielfilme und Dokumentationen bei Netflix wegzusuchten. Hauptsache du musst nicht frieren.

Klingt alles erstmal ganz toll. Gammeln, kuscheln, schlafen. Diese drei Verben jedenfalls, sind der Reihe nach meine absoluten Favoriten in diesem Leben, die ich bis zur Reinkarnation als Faultier schon mal ausgiebig übe. Wenn da nicht diese eine Sache wäre. Die Weihnachtszeit, denn sie verführt schon mit dem ersten Spekulatius im September dazu, zu kaufen, essen, kaufen – bis die ersten Pfunde sich bemerkbar machen und auch die Jogginghose im Schrank, sich am liebsten in den letzten Winkel verkriechen möchte, um bloß nicht von dir getragen zu werden. Traurig, aber wahr. Also schaust du der bitteren Wahrheit ins Gesicht und gehst da hin, wo alle sind und es heißt „Super Fit – Wir lieben Sport“.

Wer zur Hölle hat sich eigentlich diesen Slogan einfallen lassen?

Es reicht scheinbar nicht, dass es kalt draußen ist, nein. Hier wird dir auch noch eiskalt ins Gesicht gelogen. Niemand liebt Sport. Vor allem nicht dann, wenn es darum geht, sich Gewicht abzutrainieren und nach 120 Minuten wegen völliger Überlastung und wasserfallartigen Schweißausbrüchen auf der Toilette zu verkriechen, um wieder die Atmung zurückzuerlangen. Die Werbeagentur Jung von Matt, welche Slogans für die BVG ins Leben ruft, wäre in dem Umgang mit deinem Gewicht wenigstens ehrlich gewesen. Dort hätte es heißen können: „Laufe lieber gleich statt auf die Bahn zu warten, kann nur besser werden für dich.“

Nachdem du also bei klirrender Kälte zum Super Fit gelaufen bist, nicht weil die Bahn auf sich warten ließ, sondern weil du dich selbst dazu motiviert hast, schaust du dem fiesen Feind ins Gesicht. Wie in einem Wilden Western betrittst du die Trainingsfläche und hast die Hand stets am Revolver, um dich vor energischen Mitarbeitern und von Steroiden geschwängerten Muskeln zu schützen. Du fühlst dich stark und trittst dem Endgegner selbstbewusst gegenüber. Zu blöd nur, dass du in der Realität wie ein Steinbruch aussiehst, in dem eine Ladung Dynamit explodiert ist.

Kopf hoch und ab auf die Matte.

Jetzt ist Body Pump angesagt. Der Stress geht schon los, während du dir deine Materialien zusammen suchst. Hier ist sowohl Schnelligkeit, als auch Geschick gefragt. Wenn du das erste Mal einen Kurs im Super Fit besuchst, sei dir gesagt – geh nicht allein, denn zu zweit ist es einfacher sich durch die Menschenmenge zu boxen, während einer schreiend eine Zerrung vortäuscht. Sobald du eine Langhantel, zehn Gewichte in allen möglichen Abstufungen, einen Step und eine Matte vor dir liegen hast, geht es auch schon los.

Nun kommt der Teil der Geschichte, der am meisten weh tut. Deswegen lasse ich ihn einfach weg und komme somit direkt zum Finale Grande des Superkurses – bestenfalls, stehend und mit neuen Muskeln an Armen, Beinen und Bauch, sodass du es nur auf allen Vieren wieder aus dem Raum schaffst. Zehn Minuten später, nachdem du auf der Toilette wieder zu Atem gekommen bist, schaust du in den Spiegel. Wo jeder Sportler, den aus Fachkreisen besagten „Shiny Glow“ sichtet, erwartet dich nur das Gesicht einer überreifen Tomate, die kurz vorm Explodieren ist. Vor deinem inneren Auge läuft eine Netflix-Doku über regionales Gemüse ab, sie könnte deinen Namen tragen.

Seien wir wirklich mal ehrlich.

Eigentlich müssen wir der BVG dankbar sein, dass die Bahn nie fährt. Wir kommen endlich dazu unbewusst Pfunde abzutrainieren, müssen nicht in einer überfüllten Bahn stehen und können uns nebenbei auch noch den Hintern abfrieren, um uns zu Hause mit einem Ingwer-Lavendel-Magenkrampf-Tee und der Wärmflasche völlig legitim im Bett aufzuwärmen. Ach Winter irgendwie mag ich dich, nur über den Sport müssen wir nochmal reden. Detox kommt dann im Januar.

Reise nach Jerusalem

Retrospektive

Vor einigen Tagen habe ich es gewagt. Ich habe mich endlich an den für mich prägnantesten Ort der Geschichte begeben. Nicht nur historisch, auch kulturell ist Israel wahnsinnig facettenreich und setzt in der Gesellschaft so kontrastreiche Akzente wie kaum ein anderes Land dieser Welt.

Angefangen hat alles vor 15 Jahren, als ich mich das erste Mal neben dem Rahmenplan der Schule mit Israel beschäftigt habe. Da der Unterricht nicht viel mehr bot als Nationalsozialismus und Holocaust, habe ich begonnen selbst die Ursachen der systematischen Vernichtung zu untersuchen, denn an der Oberfläche einer tief verwurzelten Ethnie zu stochern, genügte mir hier in keinerlei Hinsicht.

Mit dem Gedanken sich mehr und mehr den Menschen hinter dieser grausamen Geschichte zuzuwenden, reifte auch der bloße Gedanke sich darüber mit anderen auszutauschen und so entstand schon bald unsere eigene kleine politische Gruppe, die sich neben dem Abitur mit der Geschichte im Allgemeinen befasste und dafür ein neues Bewusstsein fand – kein Mensch ist illegal.

Man könnte jetzt meinen ja, ja, Antifa, ist genauso radikal, doch zum damaligen Zeitpunkt hatten wir eine ganz andere Auffassung von Antifaschismus, der nichts mit Steine werfen und Pfefferspray auf Demonstrationen zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem Gefühl der Gleichheit einherging. Diese Meinung vertrete ich auch heute noch, hieran hat sich nichts geändert, obschon sich für viele das Motiv dieser Auffassung geändert haben mag.

Geduld lautet die Devise

Eine Reise nach Jerusalem ist ein bisschen wie ein Stuhltanz um die eigene Achse. Du läufst durch das Dickicht am Flughafen und wirst an jeder Ecke ausgebremst. Wenn du im Vorfeld nicht genügend Informationen über Israel eingeholt hast, bist du eigentlich schon aufgeschmissen, bevor du überhaupt deinen liebevoll mit Bordkarte und Kotztüte ausgestatteten Sitzplatz 24B der Airline gesehen hast.

Tja, sagen wir mal so, wir waren vorbereitet und dennoch gab es Probleme. Die aber nicht aufgrund mangelnder Infos über Einreise, Gültigkeit des Reisepasses oder 1 Liter-Kosmetiktütchen aka Gefrierbeutel aufkamen, sondern wegen eines ganz simplen Vorfalls verursacht wurden – der Abholung des Koffers am Gepäckband.

Der Koffer war weg und somit auch unser Relikt, Heiligtum der ganzen Reise, gefüllt mit Champagner, Gin und ach ja, einer Badehose. Wie sollten wir also nun die kommenden sieben Tage größenwahnsinnig überstehen? Richtig, in erster Linie mit einem Bier und einer Zigarette am Flughafen.

Zu unserem Glück fanden wir zehn Bier und zwanzig Zigaretten später endlich zu dem Koffer zurück. Geduld lautet die Devise jedes Berliners, der ein Bürgeramt nach drei Monaten Wartezeit, zwar schon mal von innen, nicht aber jedoch den Schalter geschweige denn das Dokument, für das er den Termin vereinbart hat, gesehen hätte.

Diversität ohne Grenzen

Die Reise konnte also beginnen, in einem Apartment, welches für rund 666 Euro mit einem Aufschlag von 20% eindeutig für einen professionellen Kammerjäger warb. „Herzlichen Glückwunsch“, tönte es aus meinem Mund, „endlich folgt der langersehnte Urlaub, der mich dazu auffordert 24/7 außerhalb meiner Unterkunft zu verbringen und vorzugsweise die noch so schäbigste Toilette jeder Bar zu erkunden, statt jener in den eigenen vier Wänden.“

Draußen sein ist eh schöner als rausgucken. Nicht ohnehin hat man der Stadt Tel Aviv den glorreichen Namen „Frühlingshügel“ verpasst und sie mit Kunst und Kultur in jeder Ecke versehen. Überall findet man bunte LGBTQIA-Bars, hippe Restaurants und einen kilometerweiten Strand, der dem Miami Beach in nichts nachsteht. Aber auch die schönste Aufmachung hat so ihre Schattenseiten, denn in jedem toten Winkel quillt der Dreck hervor.

Vor dem Späti des Vertrauens wird achtlos der Müll vor die Eingangstür gefeuert. Berge aus Kippen stapeln sich vor den Kaffeehäusern auf dem Rothschild Boulevard, welches insbesondere durch den Bauhaus-Stil als die weiße Stadt angesehen wird. Spätestens hier treffen Sein und Schein aufeinander und lassen auch das sogenannte Pinkwashing, welches als mutmaßliche PR-Strategie der israelischen Regierung bekannt ist, nicht mehr außer Acht.

Weltreligion vs. Kapitalismus

Wo die Szenestadt Tel Aviv noch für ein angenehmes Miteinander schnell Antworten findet, ist die Hauptstadt Jerusalem hingegen als Zentrum Dreier Weltregionen, Juden, Christen und Muslimen bekannt und wirft viele Fragen auf, die sich durch das Gesamtbild nur schwer erschließen lassen. Der Tempelberg, der weltweit als heiliger Ort anerkannt wird, sorgt immer wieder für kontroversen Gesprächsstoff.

Zurecht auch, denn wie kann ein friedliches Miteinander an einem Ort stattfinden, wo einst Granaten einschlugen und sich politisches Kalkül seinen Weg ebnete. Im Grunde genommen ist ein modernes Konzept, welches Religionen bündelt natürlich ein progressiver Schritt, dass möchte ich nicht aberkennen, doch die Angst des ewigen Terrors bleibt für Israelis und Palästinenser gleichermaßen bestehen, da sie bis heute zwischen Leben und Tod ihrem Alltag nachgehen.

Weiterhin kam in mir die Frage auf, wie an einem heiligen Ort die Fahne für den Kapitalismus geschwungen werden kann? Der Tempelberg wirkt wie ein Gerüst, in dessen Innerem sich ein Basar von Souvenirs auftut, die kein Mensch der Welt jemals brauchen wird. Die historische Altstadt verließ ich mit wechselhaften Gefühlen, in jedem Fall hat sie dafür gesorgt, dass sie mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wunder der Natur

Nun war es an der Zeit die sieben Sachen zu packen und weiterzuziehen. Das tote Meer an der Grenze zu Jordanien kam nach einem solchen Kulturschock genau richtig. Nach anderthalb Stunden Busfahrt stiegen wir aus, obwohl uns der Busfahrer warnte, dass dies kein Free Beach sei. Was uns egal war, brachte ihn erst recht auf 180, obwohl nur 70 erlaubt waren. Wie sich herausstellte, zahlten wir nichts und badeten stattdessen in der Essenz des 400 m unter dem Meeresspiegel liegenden Salzsees, dem tiefsten Punkt auf trockenem Land.

Wir schwebten in dem kristallklaren Wasser und sonnten uns mit öliger Haut an dem orangefarbenen Strand. Aber auch hier, mitten in der Wüste, bekommt man den Wandel mit. Jährlich sinkt der Wasserspiegel des toten Meeres um einen Meter und der Krater, der sukzessive zum Vorschein kommt, erinnert an eine Mondlandschaft. Nur Neil Armstrong trifft man hier nicht.

In sieben Tagen haben wir höchstens einen Bruchteil von Israel kennenlernen können und trotzdem habe ich noch nie so viel Diversität miterlebt wie hier. Es ist vor allem der Sphagat (populäre Gay-Bar) zwischen Ost und West, zwischen Religion und Liberalismus. Selbst als Berliner kann man den Hut ziehen und sich kulturell beeindrucken lassen.

Schlussendlich gilt meine 15 Jahre alte Ansicht nach wie vor, das haben mir zumindest die Locals, egal ob Jude, Christ oder Muslim bewiesen – kein Mensch ist illegal. Auch wenn die Securities schon mal bis auf die Unterhose durchdringen, man sagt Shalom und macht da weiter, wo man aufgehört hat.

Der ungewollte Zuhörer

Mein Kopf schmerzt. Ich schaue mich hilfesuchend im Raum um und sehe einen Wasserspender. In Zeitlupe lege ich den Klamottenberg, der mächtig auf meinen Beinen lastet und dem Kilimandscharo gleichkommt, zur Seite und bereite mich hustend auf den Gang zu dem in zwei Meter Luftlinie liegenden Wasserspender vor. Luftlinie, überlege ich noch während ich mich erhebe, sagt man das überhaupt bei solch einer kurzen und greifbaren Entfernung? Eigentlich kenne ich den Begriff nur von richtigen Strecken wie auf Autobahnen und logischerweise Flügen. Wiederum, wenn die Entfernung doch greifbar ist, macht die Aussage über eine Luftlinie durchaus Sinn. Schließlich ist sie zum Greifen nah. Oder ist dem nicht so? frage ich mich und denke mit dem Wasserbecher in der Hand, bereits wieder auf dem Stuhl sitzend und erfolgreich von meinem Kopfschmerz abgelenkt, darüber nach.

Plötzlich durchfährt ein Klingelton den Raum. Es klingt nach einer Mischung aus japsendem Frosch und gackerndem Huhn. Der Angerufene hebt blitzschnell ab, sodass mir leider versagt bleibt, herauszufinden um welchen zeitgenössischen österreichischen Rapper es sich handelt. Das Gespräch, dass just in dem Moment beginnt ist jedoch nicht weniger interessant und lässt mich innehalten. „Ich sagte dir doch, du brauchst nicht anzurufen.“ beginnt die Begrüßung des mir gegenüber sitzenden Mitte zwanzigjährigen Zugezogenen mit schwarz gefärbten Haaren, schwarzer Hose, schwarzer Sporttasche und weißen Sneakern. Entweder hatte er gerade vor zum Langhantel-Training ins Mc Fit zu gehen oder im nächsten Weekday-Shop seine Schicht anzutreten. „Wir haben uns ja nicht ohnehin getrennt.“ heißt es weiter und holt spätestens jetzt genügend Zuhörer für den Live-Podcast ab.

Die vielen Augen aus dem Raum, die zuvor auf das Smartphone oder in ein ausliegendes Magazin gestarrt haben, sind jetzt ganz gezielt auf die Person in schwarz gerichtet. Es erinnert an das Schauspiel einer Tierdokumentation von National Geographic, bei dir sich in sengender Hitze dutzende Hyänen, um eine von der Herde abgekommene Gazelle versammeln und auf den richtigen Moment warten, bis sie sich auf ihr todgeweihtes Opfer stürzen. In diesem Fall jedoch, handelt es sich nicht um das Opfer, sondern um die Hyäne, die die Gazelle am anderen Ende vom Hörer gerade in Stücke reißt: „Chlamydien ist nun mal die beliebteste Krankheit unter den Geschlechtern. Hättest du das Antibiotikum vernünftig genommen, wäre auch alles gut gegangen, Alina.“ – Die Gazelle hat einen Namen.

In den nächsten 20 Minuten wird heiß darüber hin und her diskutiert, wie die Krankheit entstanden und verlaufen ist und was nun final zu machen ist. Sie scheint sich damit nicht recht wohl zu fühlen. Er hingegen ist ziemlich sicher, dass sich die Welt auch so weiterdreht. Als Außenstehender sitzt man anonym da, hat ungewollt das ganze Gespräch mitverfolgt und möchte dennoch den Meinungsaustausch bilden. Zumindest mir geht es so und auch an den anderen Gesichtern lässt sich unschwer erkennen, dass ein leiser Appell im Raum liegt. Wer wird nun der Erste sein, der sich ans Rednerpult stellt und die Podiumsdiskussion eröffnet?

„Frau Olszewski“, höre ich es rufen und werde kurz wach, um festzustellen, dass ich in der Arztpraxis sitze und nun an der Reihe bin. Als ich das Behandlungszimmer wieder verlasse, ist die Hyäne in schwarz bereits verschwunden. Ob zum Arzt, zu Mc Fit oder Weekday, das weiß ich nicht. Jedoch habe ich jetzt das komplette Krankheitsbild der Chlamydien kennengelernt und kehre mit dieser Erkenntnis hustend und erschöpft in mein Krankenbett zurück. Hoch lebe die Grippe!

 

Wenn Liebe blind macht

 

Habt ihr euch schon mal überlegt, was das heißt, wenn Liebe blind macht? Ich meine, nichts zu sehen, einen schwarzen Fleck vor dem Auge zu haben, Leere zu spüren, in einem Moment der nach einer Regenbogen-Safari mit den Glücksbärchis ruft. Ein Paradox.

Eigentlich ist es wie ein Bild ohne Inhalt. Ein Mensch, der sein Augenlicht verliert oder ohne dieses geboren wird, lernt oder weiß im Laufe der Zeit damit umzugehen. Ein Mensch jedoch, der seine visuelle Wahrnehmung vergisst oder verdrängt, ist meist unsterblich verliebt.

Flashback

Eine Freundin sitzt neben mir. Juli heißt sie. Sie erzählt mir vom gestrigen Erlebnis mit ihrem Freund. Die beiden sind seit ein paar Monaten in einer Beziehung und bisher lief alles top; dachte ich. „Also dieses Hotel war der absolute Hammer. Wir hatten sogar ein Spa.“, erzählt sie entzückt und ich kann mir in jenem Moment nur zu gut vorstellen, was sie darin getrieben haben. Jeder kann das.

Sie wirft ihr braunes Haar zurück, beißt sich auf die Oberlippe und formt ein keckes Lächeln, dabei entdecke ich, parallel unter ihrem Haaransatz verlaufend, eine Platzwunde. „Was ist passiert?“, frage ich und deute auf ihre Stirn. Beschämt hebt sie die Hand und tastet ihre Verletzung ab: „Ach das. Nichts.“, gibt sie bedrückt von sich. „Erzähl keinen Mist!“ Sie erstarrt eiskalt, senkt den Kopf und erzählt mir die wahre Geschichte von gestern Nacht.

Ben war noch was trinken. Er genehmigte sich ein paar Whisky Soda in der Hotelbar, während Juli sich oben im Zimmer in eine süße Verpackung hüllte und das Badewannenwasser mit den buntesten und schaumigsten Badekugeln der Neuzeit schmückte.

Es klopfte an der Tür und Juli öffnete diese freudig, um ihre Crème de la Crème mit spitzen Lippen zu empfangen. Doch statt eines Kusses, regnete es Schläge auf sie nieder. Am nächsten Morgen wachte sie nackt neben der Badewanne auf.

Ihr Körper wird mit Blutergüssen getadelt und Platzwunden verzieren ihr wunderschönes Antlitz. Doch sie kann sich an nichts erinnern. Ich bin entsetzt und läute sofort die Trennung ein. Dieser Typ ist ein Psychopath, Schläger und Vergewaltiger. Aber Juli sagt nein. Sie wird sich nicht trennen, sie liebt ihn zu sehr.

Liebe?

Ist das wirklich Liebe? Wir verbinden Liebe mit Glück, Freude und Gefühlen. Aber nichts von alldem kann ich in dieser Beziehung finden. Ginge es nach meiner Meinung, wäre dies ein klarer Fall für “Aktenzeichen XY”, bei dem es die Liebe und nicht den Täter zu suchen gilt. Aber nach meiner Meinung geht es hier nicht.

Der Schleier, der sich über unsere Augen legt und unsere Sinne benebelt, ist eine bloße Verarbeitung des Gefühls, welches in uns aufkeimt, wenn wir einen Menschen sehen und uns verlieben. Wir selbst können dieses Geschehen gar nicht beeinflussen.

Wir können nur gnadenlos miterleben, wie uns die Luft weg bleibt, wenn uns diese Person gegenübertritt, wie sich unsere Zunge verknotet, wenn wir Eindruck machen wollen. Unsere Bewegungen sich verändern und wir eigentlich gar nicht mehr der sind, der wir sonst sind. Die Botenstoffe, die dabei vom Körper ausgesendet werden, deuten auf Alarmstufe Rot hin. Unser Kopf ist ein Rauchmelder, der um Hilfe schreit.

Es gibt wissenschaftliche Belege dafür, dass zwei Verliebte der Nervenkitzel einer riskanten Situation noch enger aneinander bindet. Schon ein kleiner Schlag ins Gesicht gaukelt dem Gehirn vor, dass wir uns in Gefahr befinden. Durch das Adrenalin fühlen wir uns aufgewühlt. Wir haben nicht Herzklopfen, weil wir uns verlieben, sondern wir verlieben uns, weil wir Herzklopfen haben. Das Paradebeispiel Nummer eins: Wilder Sex. Ab diesem Moment ist die Liebe blind und unbezwingbar.

Seilspringen ohne Seil

So entsteht eine Beziehung. Juli kann gar nicht anders als Ben zu lieben, ihr Körper ist vollends darauf eingestellt, diesem Idiot alles zu geben und ihm zu verzeihen. Und sei es ein Seitensprung. Oder eben Schläge. Dieses Empfinden ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt und kann in anderen Beziehungen natürlich ganz anders zum Vorschein kommen.

Doch so oder so werden wir uns von unserem Herzschlag weich prügeln lassen. Ich möchte nicht gut heißen oder pauschalisieren, dass Gewalt eine Beziehung am Leben erhält. Aber sie gehört im gesunden Maße dazu. Aber einer blinden Gefahr nachzurennen, die die Liebe mit sich bringt, ist wie Seilspringen ohne Seil. Und besonders dann, wenn die andere Person diese „Blindheit“ sieht und die Liebe auszunutzen weiß.

Hierfür brauchen wir Freunde, die uns die Augen öffnen und uns in das Taxi nach Hause setzen, wenn wir den Weg in Richtung Herz nicht mehr finden. Wenn in Tor 1 nun mal der Zonk sitzt, dann müssen wir uns geschlagen geben. Meist sind unsere Freunde die wahre Beziehung, sie schauen in uns rein, wissen was kaputt ist und machen da weiter, wo wir nicht mehr können.

Juli und ich trinken unseren Tee aus, bezahlen und verabschieden uns. Juli geht nach Hause und packt ihre Sachen. Sie fährt weg. Einfach so. Um einen klaren Kopf zu bekommen und den wird sie kriegen, nur eben nicht mit ihm.

„Die Liebe ist im Gegensatz zur Materie oder Energie zum Überfluss im Universum. Sie ist ein Keim, der aus dem Nichts erwächst. Selbst in den Dunkelsten aller Herzen kann sie nicht ausgerottet werden. Die Liebe ist ein wertvolles Gut, was auch verloren gehen oder gestohlen werden kann. Oder schlimmer, dass sich blutrot auf dem Boden ergießt. Die Liebe ist nicht unveränderlich. Sie kann sich in Hass verwandeln, genauso wie der Tag zur Nacht und aus dem Leben der Tod wird.“

Wilfried & Willy

Wilfried, ein ehemaliger Arbeitskollege, Archivar, 30 Jahre alt und Single, empfindet eine überaus große Zuneigung für Katzen. Daher hat er sich, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, genau solch einen haarigen Vierbeiner für das bedingungslose Zusammenleben angeschafft.

Der Tag im Knast

„Ich werde eine aus dem Knast holen“ hörte ich es plötzlich hinter meinem Stuhl wie eine Staubwolke hervorkriechen und riß meinen Blick vom PC hoch. „Was?“ entglitt es mir perplex, als ich schon ahnte, worum es ging und Wilfried mich darum bat, ihn nach Feierabend ins örtliche Tierheim zu begleiten. Dagegen spricht auch nichts, dachte ich und rätselte noch über die Staubwolke, die quasi den nerdigen, imaginären Freund meines Kollegen in einem Comic darstellen könnte. Es ist definitiv an der Zeit für Veränderung, vor allem für Wilfried, der sonst mit dem Entstauben alter Akten seinem Dasein bis ans Lebensende fristet oder womöglich noch zur Zeichentrickfigur wird.

Der Katzenkäfig, vor dem wir standen, war großzügig ausgestattet. Darunter waren dutzende Spielzeuge in Form von Mäusen, bunte Leckerlis, die sich im Fressnapf türmten und eine Klobox aus Holz, welche mehr Ähnlichkeit mit einer Sauna aufwies, als dass sie einer Einrichtung für die Notdurft gleich kam. Sogar ein Katzensofa war vorhanden. Sofern man das überhaupt so nennen darf, in gut situierten Kreisen würde man wohl eher von dem Thron einer Diva sprechen. Doch stehen wir hier nicht im Wohnzimmer von Kim Kardashian, sondern vor dem Käfig einer Katze namens Willy.

Am Gitter des Käfigs entdeckte ich neben dem scheinbar willkürlichen Tierheim-Namen der Katze, zusätzlich deren Eigenschaften in drei Worten zusammengefasst: anhänglich, verspielt und stubenrein. Drei ziemlich gute Adjektive wie ich fand und so fand auch Wilfried. „Hervorragend“ gluckste er und las weiter: „Die kleine Willy, ist ein verschmuste Dame, die auf der Suche nach einem Herrchen ist, das ihr den Weg weisen kann.“ „Die kleine Willy?“ fiel ich ihm verwirrt ins Wort. „Seit wann heißt ein Mädchen Willy?“ „Hm, keine Ahnung“ entgegnet mein Kollege schulterzuckend und kontert dabei doof: „Seit ihr Herrchen Wilfried heißt?“ Ich konnte nicht mehr, als ihn mit hochgezogenen Augenbrauen zu belächeln und über den schmalen Grad zwischen Fremdscham und Mitleid zu sinnieren.

Urlaub und andere Unmöglichkeiten

Willy war also ein Mädchen und lebte fortan bei Wilfried in einer eheähnlichen Gemeinschaft, deren erste Regel besagte: Sollte Wilfried eines Tages arbeitslos oder arbeitsunfähig werden, sieht sich Katze Willy des Amtes wegen imstande bis zum Übergang oder gar bis ans Lebensende für ihr Herrchen aufzukommen und sei es der letzte Brocken im Napf, welcher in schlechten Zeiten zum Verzehr hinerlassen wird. In guten Zeiten passiert sowas natürlich nicht, denn da gönnt man sich was. Und so war es nach drei Monaten „Tier-Mensch-Beziehung“ soweit, in den wohl verdienten Urlaub zu fahren.

Den letzten Arbeitstag verbrachte Wilfried schweißgebadet am Telefonhörer unseres Callcenters. Dort, wo eigentlich ein Praktikant sitzen sollte, um seine „100 Calls per Minute“-Liste abzuarbeiten, saß nun Wilfried und klebte mit hochrotem Kopf an der Scheibe. Als ich die Telefonzelle nur noch dampfen sah, beschloss ich doch lieber einmal nachzusehen, was unser Archivar dort tatsächlich trieb.

Ein völlig verzweifelter Blick traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Verzweifelt genug, um den Praktikanten freiwillig in die Küche stürmen zu sehen und die Kaffeemaschine auf Hochtouren laufen zu lassen. Bevor ich überhaupt Fragen stellen konnte, schoß es lawinenartig aus Wilfried: „Kannst du auf Willy aufpassen? Meine Mutter liegt im Krankenhaus und ich kann sie unmöglich mitnehmen.“ Ach herrje, dachte ich sofort, nun ist nicht nur sein Urlaub futsch, sondern meine Dates mit Netflix auch. „Klar, kein Problem.“ hörte ich mich sagen und streichelte ihm sanft über die Schulter, nur um schon mal zu üben, wie das so funktioniert zwischen mir und einem Fellknäuel.

Katzendoku im Live-Stream

„Ciao Kakao“ rief Wilfried mir mit dem Koffer winkend entgegen, als ich mich von ihm in meiner Wohnung stehend verabschiedete. „Ok, lassen wir die Spiele beginnen.“ sagte ich laut, ließ die Tür ins Schloss fallen und drehte mich um. Und da passierte es: Willy saß vor mir und schaute mich fies an. „Geht ja schon gut los“, war mein erster Gedanke und mein zweiter, kam eher einer Frage gleich, die sich damit beschäftigte, was sie wohl an meinen Schuh so lecker fand. Das muss die verspielte Katze sein, von der im Tierheim die Rede war, tröstete ich mich demütig.

Och nee, als ich meine müden Augen öffne und die Katze schmatzend vor mir stehen sehe, würde ich sie am liebsten wieder schließen und so fest zusammenpressen, bis die Lider kaputt sind und gar nicht mehr aufgehen. Willy glotzt frech mich an und spuckt eine Spinne vor mein Bett. „Danke für die nette Geste“ grummle ich noch im Halbschlaf und drehe mich abrupt von dem schwarzen Monster weg.

Gestern hat Willy einen Käfer gefressen, wo auch immer der her kam und ihn völlig frech auf mein Bett gespuckt. Mit viel Magensaft und Speichel drum und das kurz vorm Schlafen gehen. Generell hat mich diese Katze in den letzten 5 Tagen viele Haare, Nerven und vor allem teure Schuhe gekostet. Während ich ihr das erneut mit gehobenem Zeigefinger vorhalte, schaue ich sie fies an. Doch Willy schafft es noch fieser zu gucken, als kotze sie mir zur Strafe nicht nur ins Bett, sondern pinkle gleich noch dazu. Das jedenfalls wäre auch nichts Neues. In den letzten Tagen habe ich so oft die Bettwäsche gewechselt, wie nicht mal 10 bierbeladene Bauarbeiter urinieren könnten, selbst wenn sie wollten. In meinen Hinterkopf leuchtet die Information „stubenrein“ erneut in roten Lettern auf.

Ein Katzenjammer

Auch in der Badewanne komme ich nicht zur Ruhe, ohne das die Katze energetisch an der Tür kratzt und wie eine batteriebetriebenes Stofftier nach Aufmerksamkeit schreit…äh mauzt. Wo wir schlussendlich beim dritten Adjektiv, der Anhänglichkeit, angelangt wären. Nach 10 Minuten verlasse ich die Badewanne und stelle fest, dass sie verschwunden ist, die Kratzspuren in der Tür aber bis nach Hogwarts reichen. Doch leider hilft mir auch kein Harry Potter, als ich den Scherbenhaufen in der Küche entdecke, es an der Tür klingelt und ich vor Schreck in ein riesigen Glassplitter trete.

Es ist Wilfried, er schaut mich entsetzt an „Alles gut bei dir?“ fragt er. „Geht so.“ antworte ich erschöpft und sinke mit blutenden Füßen zu Boden, während Willy ihm entgegen springt und er sie fröhlich auf die Arme nimmt „Ich glaube, du brauchst mal etwas Veränderung“, sagt er mitleidig „Vielleicht auch Urlaub oder du holst dir eine Katze, das wird dir sicherlich gut tun.“

Als er mit Willy das Haus verläßt und sie mir einen letzten Blick über seine Schulter zuwirft, bin ich sicher, in ihrem fiesen Katzengesicht ein Lächeln zu erkennen und hoffe insgeheim, diesen diabolischen Fellknäuel nie wieder sehen zu müssen.

Bildungsreise in Venedig

 

Der Detoxurlaub kann beginnen

Kaum hebt der Flieger ab, schießen unsere Finger in die Höhe. Ein netter Steward steht in unmittelbarer Nähe, nimmt uns wahr, scheint jedoch in ein Gespräch mit dem Pechvogel am Notausgang verwickelt zu sein. Sichtlich angestrengt schaut er rüber, woraufhin ich meinem Wink noch etwas mehr Ausdruck verleihe und die Queen mit rotierendem Handgelenk raushängen lassen. Quasi das internationale Zeichen für „God Save The Queen“, weiß doch jeder! Dennoch löst er sich nicht von dem Passagier auf dem Sitz 15A, der inzwischen schon rote Ohren bekommen hat, sondern winkt stattdessen seine kurz vor der Rente stehende Kollegin zu uns herüber. Jetzt also erst recht ein Drink, denke ich mir und warte bis eine in die Jahre gekommene Peggy Bundy im orangefarbenen Kostüm von Easy Jet vor uns steht. Mit einem großen Seufzer bestelle ich Champagner. Entsetzt schaut der Krähenfuß auf die Uhr und sagt, morgens um 8 Uhr sei dieser wohl noch nicht gekühlt an Bord. Eiswürfel?! Lautet meine initiative Frage, die einer Antwort gleich kommt und sie sofort in Bewegung versetzt. First Drink, der Detoxurlaub kann beginnen. Check.

„Mensch, ärgere dich nicht“

Nachdem der Flughafen (namens Marco Polo – für den Lerneffekt) hinter uns liegt und wir mit dem Wassertaxi ins Ghetto schippern, krame ich die Wegbeschreibung zum Apartment und die To Do Liste des Urlaubs hervor. Madonna del Orto heißt unsere Anlegestelle, im Viertel von Canna Regio, welches unweit der Synagoge im Ghetto von Venedig liegt. Schließlich haben wir Bildungsurlaub beantragt, welcher von einem weingeschwängerten Sightseeing begleitet werden soll. Da spricht die Erfahrung aus mir. Somit liegt also ein kurzer Weg von 15 Minuten hinter uns und 3 Aufgaben, die wir uns auf unserer Reise zu erfüllen haben vor uns. Dazu gehört: Das Kaufen einer venezianischen Maske, die einen Tag lang tanzend durch die Stadt getragen werden soll, das Chartern eines Bootes und das Stechen eines Tattoos im Anschluss. Das war natürlich nicht meine Idee, sondern die meiner Begleitung, sonst kann ich ja auch gleich versuchen „Mensch, ärgere dich nicht“ allein zu spielen. Wem das schon gelungen ist, kann mich gern eines besseren belehren. Ich möchte schließlich nichts pauschalisieren.

img_7738

Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich Berliner Luft

„Never Change A Winning Team“ lautet mein Gedanke abends im Hof des Apartments, während ich unseren Plan im Kopf durchspiele. Wir haben nämlich schon viele Challenges auf uns genommen. So viele, dass wir uns irgendwann nicht mehr bei normalen Namen, sondern nur noch Kati Inkontinenzia und Matti Mc Lovin genannt haben. Aus Gründen. Doch nun suchen wir neue Herausforderungen und beginnen an Tag 1 mit Challenge No. 1, logisch. Morgens um 7 Uhr tritt mich das Ungetüm Matti, nachdem wir erst um 3 Uhr morgens (also ein paar Stunden zuvor) nach erfolgreicher Weinprobe in der Nachbarschaft in unserer Zimmer gekarrt worden sind, erneut aus dem Bett. Schlaraffenland sieht anders aus, doch was soll´s: Kopf hoch, Beine raus und Dusche an. Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich Berliner Luft. Nach längerem Nachdenken über die Assoziation mit der Berliner Luft, die mir tatsächlich etwas ins Gesicht geschrieben steht, wird mir bewusst, dass wir den deutschen Duty Free nicht ganz ohne Mitbringsel verlassen haben. Die Flasche ist halb leer (bin ich jetzt Alkoholiker wenn ich halb leer sage?) und mir blitzen Sequenzen von letzter Nacht vor Augen auf, als Matti Berliner Luft statt Zahnpasta vorm zu Bett gehen nutze.

Von Masken und Gondeln

Mit einer halben Olive im Magen und Google Street View in der Hosentasche verlassen wir gewappnet das Haus und begeben uns in die Stadt. Immer den Kanal entlang, lautet unsere Devise und schon bald befinden wir uns in einem lokalen Maskenladen, der traditioneller nicht sein könnte. Wir zögern nicht lange und stehen 5 Minuten später mit einer Katzen- und einer Pantalone-Maske geschmückt wieder in der Gasse und fragen den nächsten Italiener oder zumindest italienisch aussehenden Menschen nach einer „Gondel-Station“. In 10 Minuten legt die nächste ab, doch 10 Minuten sind es dorthin, erklärt er uns langatmig und wir rennen schon los, während er noch Worte wie „Seid vorsichtig“ hinter uns her brüllt. Später finden wir heraus, dass Touristen zwar angesehen und gern durch den Kanal bei einer Spende von 100 Euro begleitet werden, doch wir mit den Masken die Gondel nicht betreten dürfen. Also lässt uns der werte Herr im Matrosen-Outfit zurück und fährt grinsend mit einer Vorzeige-Familie davon. Dumm gelaufen. Die nächste Frage lautet also konsequenterweise: Wo ist die nächste Bar?

img_7676

Nachts sind alle Katzen grau

5 Gläser Wein und 3 Aperol Spritz später, stehen wir vorm nächsten Boot. Wer braucht schon Gondeln im chinesischen 0815-Stil, wenn er ein Motorboot á la Venice Beach haben kann. Wir! Inzwischen ist es dunkel geworden und nicht umsonst sind nachts alle Katzen grau. Also machen wir uns auf den Weg zu den umliegenden Booten vor unserer Haustür und gabeln dort volltrunken die Italiener auf. In beiderseitigem Einvernehmen mit Alkohol, scheint das jedenfalls kein Problem mehr zu sein. Da funktioniert sogar ein offensichtlich hilfloses, aber dennoch amüsantes Gespräch mit Worten wie Bibedibabedibu und passenden Gesten. Plötzlich haben wir das Boot unter unseren Füßen und die Nachbarschaft im Rücken. Wir sind blau und haben keinen Cent mehr. Doch Giovanni lässt sich nicht lumpen und will dann wenigstens noch einen Wein mit uns trinken. Ok, das kriegen wir hin. Gerade so.

Rechts eine Schere, links ein Weinglas

Am nächsten Morgen erwachen wir gelähmt im Apartment. Zwar auf den Stühlen versackt in unserem Hof, aber immerhin lebend. Auf dem Tisch entdecken wir etliche Notizen mit italienischen Grußformeln und vielen Nummern. Wir hatten wohl einen guten Lauf, besonders Mc Lovin klopft sich wohl verdient auf die Schulter. Doch nach mehrmaligem Studieren wird uns bewusst, es sind gar keine Nummern von gestrigen Bekanntschaften, sondern die von Tatöwierläden, die sich für unseren Besuch bedanken. Panikartig rennen wir ins Badezimmer und untersuchen uns gegenseitig auf schwarze Tinte. Und da ist es plötzlich, auf Mattis Handflächen. Rechts eine Schere, links ein Weinglas. Es ist passiert. Plötzlich klingelt es und herein kommen zwei Trinkfreunde der letzten Nacht. Ein Pärchen, welches vor Lachen schon fast im Türrahmen kollabiert. Sie ziehen zwei Schablonen von Abziehbildern hervor, worauf einst die Tattoos klebten. Erleichert fällt Matti im Stuhl zurück und gießt uns Wein ins Glas und fängt ebenfalls an zu lachen und spricht endlich die Erkenntnis des gesamten Urlaubs aus: Das A in Venedig steht für Alkohol. Soviel ist klar und unsere To Do List haben wir ja irgendwie auch erfüllt. Oder nicht?

 

Nachts um halb 4

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor um 15 Uhr aufwache und wegen durchgehender 4-Tage-Freizeit nahezu Ostern verpasst und stattdessen alte Weihnachtsmänner in meiner Wohnung gefunden habe, ist klar, das Nachtleben verfolgt mich wieder.

In sekundenschneller Geschwindigkeit bin ich quasi von Himmel in die Hölle gefallen, sodass einem schon bei dem bloßen Gedanken kotzübel wird. Der Tag hat mich wieder in die Nacht befördert und wenn ich mich so umsehe, gehören mehr Ringe als Augen sowieso seit geraumer Zeit zum absoluten Must Have im Berliner Business dazu.

Allerdings beflügelt mich ein gewisser Unmut, was die Arbeit im Dunkeln angeht. Nach vielen Jahren eines harten Flaschenöffner-Trainings, welches aus Bieren in Akkordzeit öffnen, Kronkorken-Olympiaden und trinkwütigen Menschentrauben besteht, mutierst du irgendwann zum Tiger im Käfig, der nicht mehr anders kann, als sich tänzelnd im Kreise zu drehen. Und trotzdem schleppst du dich immer wieder an den Tresen, setzt ein übermotiviertes Lächeln auf und machst munter weiter.

398115_4950896137768_1087089596_n

Warum auch nicht, schließlich bietet dir die Bar alles was du brauchst, um die „Tausend und eine Nacht“ größenwahnsinnig zu überleben. Musik, Getränke und Freunde. Du hast die Macht. Denn deine Freunde halten dich für den „Primus Inter Pares“. Du bist in ihren Augen Türsteher, Kassenfrau, Getränkegeber und Animateur zugleich. Sie wissen du arbeitest, also werden sie alles geben, dich zu besuchen. Schön, denkst du dir. Aber mit dem ersten Anruf, der einen Gästelistenplatz fordert, ist es meist nicht getan.

Es wäre nahezu perfekt, wenn die trinkwütigen Menschen an der Bar einen Self-Service übernehmen würden und du währenddessen deine Bekannten galant an der Never-Ending-Schlange hereinführen, mit ihnen eine Clubbesichtigung unternehmen und ihnen dabei jeden Durstgedanken telepathisch in ein Getränk umwandeln könntest. So sollte es sein, ist es aber nicht. Denn du musst ja arbeiten. Zu doof.

Also gibst du dich stumpf dem Flaschenöffner und dem nächsten Schrei nach Bier an der Theke hin. Wie eine Gewitterwolke zieht der Sturm über dich her und will kaufen, trinken, kaufen – bis deine Kollegen dir sanftmütig ins Gesicht schlagen und einen nett dekorierten Schnaps vor die Nase stellen. Dann geht der Vorhang an der Bar kurz zu und du stehst da, trinkst und bist einen Moment lang frei.

20130930-Koeln_Bilder_09-2013_0043

So langsam verstehst du das Niveau der Gäste und fängst an sie zu mögen. Wie sie da so lustig stehen, mit ihren Scheinen wedeln und versuchen immer der Erste am Drücker zu sein. Es ist ein bisschen wie bei Ruck-Zuck – wessen Wortkonstellation als Erstes in dein Gehör dringt, dessen trockener Gaumen kann sich glücklich schätzen. Gäste, die sich in einer Buchstabensuppe vor dir übergeben, haben leider keine Chance und bekommen stumm ein Wasser gereicht. Das sind die Regeln und die müssen befolgt werden, sonst ist das Game leider over.

Irgendwann sind dann endlich alle betrunken und der Feierabend schaut fröhlich, als auch ein bisschen benebelt um die Ecke. Du trinkst noch ein paar Schnäpse und schmiedest „Tagespläne“ mit deinen Kollegen. Wenn die Sonne scheint, könnte man ja noch in den Park gehen und apathisch auf der Wiese sitzen. Wenn es grau ist, geht’s ins Kino oder in die Hexe.

Und wo auch immer es die Karawane hinziehen wird, du weißt in jedem Fall, dass du meist betrunken zu Hause (oder woanders) in Klamotten (oder ohne) aufwachen und dich fragen wirst, wer gestern die Bar zugemacht hat und wo das Trinkgeld, für welches du dein neues und vor allem weißes Shirt mit einer Flasche Jägermeister übergossen hast, wohl in der letzten Nacht gelandet ist. Das einzig gute an dieser Tatsache ist, dass dich der Alkohol an diesem Abend nichts gekostet hat.

Mount Rinjani

Eines Nachts im Oktober erwachte ich schweißgebadet in klirrender Kälte auf dem steinharten Boden eines Zeltes. Noch blind vor Schlaf, versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und auszumachen, in welcher Umgebung ich mich tatsächlich befand, während meine Fingerspitzen mit verzogenen Mundwinkeln vorsichtig den Schlafsack tätschelten. „Mein Bett, es muss mein Bett sein!“, sagte mir mein Verstand unaufhörlich. Doch meine Sinne prophezeiten etwas anderes: Ich befand mich in einem organefarbenen Kinderzelt, welches in das helle Licht einer von der provisorischen Decke hängenden Taschenlampe getaucht wurde und furchtbar in den Augen schmerzte. Draußen vernahm ich Geräusche, die unweigerlich meine Härchen auf der Haut hochschießen ließen. In diesem Moment bewegte sich meine Hand blitzschnell auf die Taschenlampe zu und ließ diese zitternd erlöschen. Nun saß ich nach einem Schutzobjekt suchend, still da, atemlos und verfolgte gebannt, die immer näher kommenden Geräusche mit tiefgefrorenen Ohren, in der Hoffnung irgendwann doch noch aufzuwachen.

Gut geht, wer ohne Spuren geht

„Ach Kind, verarsch mich nicht!“, wiederholt meine Mutter zum zehnten Mal, als ich ihr mitteile, dass ich bei Punkt drei auf meiner Bucket-List die Besteigung eines Vulkans zu stehen habe. Der Begriff Besteigung muss folglich jedoch in Bekriechung revidiert werden. Ich habe nachgeschlagen, ein Wort welches im Duden bisher noch nicht aufgenommen worden ist. Unverständlich für mich und wahrscheinlich jene, die einmal einen Gipfel hoch gekrochen sind. „Läuft bei mir“, antworte ich lässig und lasse den Hörer langsam aus der Hand gleiten, um meinen prallen Rucksack mit aller Gewalt zuzuschnüren. „Ok Mutti, muss los!“, lasse ich es noch euphorisch verlauten und lege auf, als das Bergsteigertrupp vor mir auf den Jeep klettert und die Sachen wie Müll in die Ecken wirft.
Auf der Fahrt nach oben wird das erste Bier mit bunten Feuerzeugen geöffnet und die Zigaretten qualmen wie besorgniserregende Rauchschwaden über uns hinweg. Wir sind eine Gruppe von acht Leuten, so ziemlich aus allen Ländern und in jeder Altersklasse vertreten. Die Stimmung ist aufgeheizt und lustig, alle lachen über blöde Witze, während der Fahrer sich angestrengt seinen Weg durch Bäume und Geröll bahnt, dabei hüpfen wir auf der Ladefläche im Takt auf und ab. Nicht schlimm, wir trinken noch ein Bier.


savanna-sembalun-lawang2

Eine Stunde später befinden wir uns auf 600 Meter Höhe des Mount Rinjani, dem zweithöchsten Vulkan der Insel Lomboks in Indonesien. 3.100 weitere Meter und drei Tage haben wir noch vor uns, erzählt der Tourguide vor Beginn des Aufstiegs und geht mit uns das Sicherheitstraining durch, welches darin besteht einen signalroten Ausweis mit beschriftetem Namen am Rucksack sichtbar zu befestigen und ja nicht zu verlieren. „Ist das etwa unser Totenschein?“, frage ich lallend von zwei Bieren, die in der brütenden Hitze schnell bei mir reinhauen und grinse doof in die Runde. Alle starren mich mit entgleisten Gesichtern an, von Freude keine Spur. „Ups“, sage ich kurz und fummele pfeifend an dem roten Ausweis rum, während der Guide die Gruppe weiter belehrt.

Aus dem Leben eines Esels

Nach dem ersten Aufstieg, stehe ich beweglos mit schwitzenden Kadaver fest an einen Baum geklammert und starre fassungslos den kilometerweiten Weg zurück. Ein kleiner Junge kommt mit einem Joint in der Hand zu mir gelaufen und reicht mir eine Flasche Wasser, auch ihn starre ich entsetzt an. Die Gruppe sitzt entspannt und essend am Feuer, während ich von dem Jungen erfahren muss, dass er unser tatsächlicher Guide ist und der Vater aufgrund seines besseren Englischs nur zur Unterrichtung der Gruppe diente. Er erzählt mir fröhlich, dass er Ady heißt, 16 Jahre alt ist und am Tage des Ausbruchs im Jahr 2010 auch auf dem Rinjani stand. Mein Mund schließt sich erst wieder, nachdem ich einen Löffel Reis hinein schaufele.

IMG_3329

Als der Abend schon dämmert, erblicke ich auf allen Vieren, wie ein getriebener Esel den Gipfel. Acht Stunden Schweiß, Dreck und Blut liegen nun hinter mir. Bewusstlos falle ich auf 2.600 Meter Höhe in mein Miniaturzelt und schlafe sofort ein, bis ich nachts erwache. Betäubt sitze ich im Zelt und höre Geräusche, knipse die vergessene Taschenlampe aus und spüre wie sich etwas schnurstracks auf mein Zelt zu bewegt. Mit blinzelnden Augen und abwehrender Tupperdose vor meinem Gesicht, lasse ich es geschehen. „Hey, schau dir das an!“, schreit Ady als er ungeniert in mein Zelt poltert und ich ihm die Tupperdose schockiert ins Gesicht werfe. Als er den Blick auf die Natur freigibt, um die anderen der Gruppe zu wecken, eröffnet sich vor meiner Iris ein Farbspiel der Superlative. Ich sitze am Gipfelrand und sehe den Kratersee bei Nacht durch die Glut rund herum leuchten, wie kleine rote Sterne tanzen einzelne Funken im Dunkeln. Doch das Spektakel ist schnell vorüber, denn nun geht es nach ganz oben.

Paradise City

Um 3 Uhr in der Früh, wagen wir die endgültige Bekriechung! Meine Taschenlampe mit tauben Händen schief auf dem Kopf befestigt, hält gerade so stand, als ich mich gelähmt aus dem Schlafsack erhebe und meine Knochen in die richtige Position renke. Ady geht kiffend voran, die Esel folgen. Jeder Schritt ist ein Kampf mit mir selbst, bei dem ich versuche nicht über Lavabrocken zu stolpern oder gegen Felsen zu rennen und trotzdem passiert es mir immer wieder. Als die Sonne langsam am Horizont aufsteigt, sind es noch einige Meter. Ady drillt uns wie im schlechten Film und ich frage mich was dieser Typ da eigentlich geraucht hat, dass er so springmausartig vor uns umher tänzeln kann. Und plötzlich sehe ich den Kraterrand, wir haben es geschafft. Die Sonne geht langsam am Horizont auf und der endlose See wird in ein farbenfrohes Licht getaucht. Ich sinke zu Boden und ein einziger Gedanke, der mir bleibt: „Ich lebe, aber wo ist das Bier?“

rinjani

Bei der Rückkehr zu den Zelten verdrücke ich schnell noch ein kleines Bintag, dass Dank eisiger Kälte die beste Temperatur aufweist und freue mich, dass es nun runter zu den Hot Springs zur Erfrischung geht, um die wunden Knochen im warmen Spa zu heilen. Auf dem finalen Weg bergab trinken wir frisches Quellwasser aus dem See, begegnen Rhesusaffen, die frech und mit ausgestreckten Mittelfingern unser Futter klauen und sehen die nächste Gruppe aufsteigen, die uns (offensichtlich) für Neandertaler hält. Mir bluten die Hände, als wir normalen Boden erreichen, ich eine Zigarette anzünde und reglos mit dem Sound von Guns´n´Roses „Paradise City“ in den Jeep sacke und dem Vulkan nachschauend mit einem breiten Grinsen den Rücken kehre. Oh ja, ich lebe und bin tatsächlich wach.