Nachts um halb 4.

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor um 15 Uhr aufwache und wegen durchgehender 4-Tage-Freizeit nahezu Ostern verpasst und stattdessen alte Weihnachtsmänner in meiner Wohnung gefunden habe, ist klar, das Nachtleben verfolgt mich wieder.

In sekundenschneller Geschwindigkeit bin ich quasi von Himmel in die Hölle gefallen, sodass einem schon bei dem bloßen Gedanken kotzübel wird. Der Tag hat mich wieder in die Nacht befördert und wenn ich mich so umsehe, gehören mehr Ringe als Augen sowieso seit geraumer Zeit zum absoluten Must Have im Berliner Business dazu.

Allerdings beflügelt mich ein gewisser Unmut, was die Arbeit im Dunkeln angeht. Nach vielen Jahren eines harten Flaschenöffner-Trainings, welches aus Bieren in Akkordzeit öffnen, Kronkorken-Olympiaden und trinkwütigen Menschentrauben besteht, mutierst du irgendwann zum Tiger im Käfig, der nicht mehr anders kann, als sich tänzelnd im Kreise zu drehen. Und trotzdem schleppst du dich immer wieder an den Tresen, setzt ein übermotiviertes Lächeln auf und machst munter weiter.

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Warum auch nicht, schließlich bietet dir die Bar alles was du brauchst, um die „Tausend und eine Nacht“ größenwahnsinnig zu überleben. Musik, Getränke und Freunde. Du hast die Macht. Denn deine Freunde halten dich für den „Primus Inter Pares“. Du bist in ihren Augen Türsteher, Kassenfrau, Getränkegeber und Animateur zugleich. Sie wissen du arbeitest, also werden sie alles geben, dich zu besuchen. Schön, denkst du dir. Aber mit dem ersten Anruf, der einen Gästelistenplatz fordert, ist es meist nicht getan.

Es wäre nahezu perfekt, wenn die trinkwütigen Menschen an der Bar einen Self-Service übernehmen würden und du währenddessen deine Bekannten galant an der Never-Ending-Schlange hereinführen, mit ihnen eine Clubbesichtigung unternehmen und ihnen dabei jeden Durstgedanken telepathisch in ein Getränk umwandeln könntest. So sollte es sein, ist es aber nicht. Denn du musst ja arbeiten. Zu doof.

Also gibst du dich stumpf dem Flaschenöffner und dem nächsten Schrei nach Bier an der Theke hin. Wie eine Gewitterwolke zieht der Sturm über dich her und will kaufen, trinken, kaufen – bis deine Kollegen dir sanftmütig ins Gesicht schlagen und einen nett dekorierten Schnaps vor die Nase stellen. Dann geht der Vorhang an der Bar kurz zu und du stehst da, trinkst und bist einen Moment lang frei.

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So langsam verstehst du das Niveau der Gäste und fängst an sie zu mögen. Wie sie da so lustig stehen, mit ihren Scheinen wedeln und versuchen immer der Erste am Drücker zu sein. Es ist ein bisschen wie bei Ruck-Zuck – wessen Wortkonstellation als Erstes in dein Gehör dringt, dessen trockener Gaumen kann sich glücklich schätzen. Gäste, die sich in einer Buchstabensuppe vor dir übergeben, haben leider keine Chance und bekommen stumm ein Wasser gereicht. Das sind die Regeln und die müssen befolgt werden, sonst ist das Game leider over.

Irgendwann sind dann endlich alle betrunken und der Feierabend schaut fröhlich, als auch ein bisschen benebelt um die Ecke. Du trinkst noch ein paar Schnäpse und schmiedest „Tagespläne“ mit deinen Kollegen. Wenn die Sonne scheint, könnte man ja noch in den Park gehen und apathisch auf der Wiese sitzen. Wenn es grau ist, geht’s ins Kino oder in die Hexe.

Und wo auch immer es die Karawane hinziehen wird, du weißt in jedem Fall, dass du meist betrunken zu Hause (oder woanders) in Klamotten (oder ohne) aufwachen und dich fragen wirst, wer gestern die Bar zugemacht hat und wo das Trinkgeld, für welches du dein neues und vor allem weißes Shirt mit einer Flasche Jägermeister übergossen hast, wohl in der letzten Nacht gelandet ist. Das einzig gute an dieser Tatsache ist, dass dich der Alkohol an diesem Abend nichts gekostet hat.

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